Angelika Schrobsdorff (Hg.): Der Vogel hat keine Flügel mehr

Die bewegenden Briefe eines Sohnes an seine Mutter

Als Peter Schwiefert Deutschland verlässt, ist Angelika Schrobsdorff zehn Jahre alt. Einen Abschied gibt es nicht – dass der 21-Jährige dem Nazi-Regime den Rücken kehrt, wird dem Mädchen verschwiegen. Der beinahe elf Jahre ältere Halbbruder war neben dem Vater Erich der Mann, den Angelika Schrobsdorff am meisten bewunderte.

»Peter war wie eine Sternschnuppe in meinem Leben, ein leuchtender kleiner Himmelskörper, der einem entgegenfällt und erlischt«, schreibt sie 1992.
Sie erinnert sich gut, wie sie als Kind an dem geliebten Bruder hing, in der Sommerfrische in Pätz nahe Berlin unbeschwerte Momente mit ihm erlebte. Doch was den jungen Mann im Innersten umtrieb, wusste sie damals noch nicht: »Geistig habe ich ihn zwanzig Jahre später kennengelernt, durch seine Briefe an unsere Mutter.«    

 

 

 Zwei Kartons voller Briefe für Angelika Schrobsdorff

Diese Briefe erhielt Angelika Schrobsdorff von Enie, der engsten Freundin der Mutter Else. Enie erzählte ihr in den sechziger Jahren, worüber die eigene Mutter bis zum Schluss nicht sprach. Ihrer Offenheit und Ehrlichkeit, vor allem aber zwei Kartons voller Briefe und Erinnerungsstücke verdankt Angelika Schrobsdorff viel. Durch sie lernt sie den verschwundenen Bruder kennen, die oft rätselhafte Mutter besser verstehen und endlich kann sie die schmerzhaften Leerstellen in ihrer Biografie füllen. Dies erkannte auch Claude Lanzmann. Selbst während der Ehe mit Angelika Schrobsdorff erfuhr er in Gesprächen nur Teile ihrer Lebensgeschichte, wie er in seiner Autobiografie ›Der patagonische Hase‹ schreibt. »Aber erst als sie mir die herzzerreißenden, wunderbaren Briefe zu lesen gab, die ihr Halbbruder, Peter Schwiefert, an ihre gemeinsame Mutter geschrieben hat, fügten sich die Bruchstücke für mich zu einem Ganzen, und ich erfasste die von der Geschichte geprägten Schicksale in ihrer tragischen Besonderheit.« Dank Claude Lanzmann erschienen die Briefe in Frankreich bereits 1974. Für ihre deutschen Leser ließ Angelika Schrobsdorff zumindest einen Teil in ›Du bist nicht so wie andre Mütter‹ fließen – ihr erfolgreichstes, bereits in der 21. Auflage vorliegendes Buch.

Irgendwann hat der Vogel keine Flügel mehr

Der Titel ›Du bist nicht so wie andre Mütter‹ stammt aus der ersten Strophe eines Gedichts, das Peter für seine Mutter schrieb und das Angelika Schrobsdorff diesem Erinnerungsroman voranstellte. In einer der ergreifendsten Szenen des Buchs trifft just am 30. Juni 1945, dem Geburtstag der Mutter, im bulgarischen Exil ein zwanzigseitiger Brief Peters ein – der erste nach vier Jahren. Dass Peter da schon sechs Monate tot ist, ahnt die Mutter nicht; sie schreibt sofort zurück. Damals zitierte Angelika Schrobsdorff einzelne Passagen aus der erschütternd liebevollen Korrespondenz in der düsteren Kriegszeit. In ›Der Vogel hat keine Flügel mehr‹ sind diese und viele weitere Briefe endlich ganz zu lesen. »Der Schwung, der Schwung ungestümer Stunden, der war doch immer in mir gewesen … Aber jetzt hatte der Vogel keine Flügel«, schreibt ein am Leben zerbrechender Peter. »Schrecklich, eine schreckliche Sache ist das Leben«, sagt Angelika Schrobsdorff viele Jahre später in dem Dokumentarfilm ›Verspiegelte Zeit‹ und räumt kurz danach ein: »Aber es gibt wunderbare Momente.« Zu diesen zählt das Lesen der Briefe von Peter Schwiefert – sie bilden eine einzigartige Ergänzung des literarischen Lebenswerks von Angelika Schrobsdorff.

Tina Rausch, freie Journalistin

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