Bernardo Stamateas: Toxische Gefühle

Eine Selbstvergewisserung von Tina Rausch

Toxische Gefühle
»Wie wir emotionale Verletzungen heilen können und inneren Frieden finden«: Der argentinische Psychologe und Theologe hilft, ungesunde Emotionen zu erkennen, erklärt deren Ursachen und zeigt in seinem Buch ›Toxische Gefühle‹ Strategien und Techniken, um Ängste, Frust, Neid, Kummer & Co. zu überwinden.

Keines der hier beschriebenen Gefühle sei per se bedenklich oder gar krankhaft, schreibt Bernardo Stamateas im Vorwort: »Dieses Buch plädiert dafür, jeder Emotion die Bedeutung beizumessen, die sie tatsächlich verdient.« So gäbe es Situationen, in denen man verständlicherweise wütend, enttäuscht, traurig oder misstrauisch ist, Angst empfindet oder sich abgelehnt fühlt.

Bedenklich würde es, wenn diese Gefühle beginnen, »unser Leben zu dominieren, unseren Blick zu trüben oder uns unserer Zukunft oder unserer Energie zu berauben«. Dann handele es sich um negative, giftige, also ›Toxische Gefühle‹, denen wir heillos ausgeliefert sind. Wenn wir nicht beschließen, etwas dagegen zu tun: »Emotionale Weisheit bedeutet, sich bewusst dafür zu entscheiden, wie man sich fühlen will.«

Auf der Suche nach negativen Gefühlen

Klingt gut. Doch wie erreiche ich diese Bewusstseinsstufe? Und bin ich überhaupt ein negativer Gefühlstyp? Ein Mensch mit toxischen Gefühlen, erklärt Bernardo Stamateas,

  • will um jeden Preis geliebt werden.
  • versucht mithilfe seines materiellen Besitzes von anderen akzeptiert und anerkannt zu werden.
  • sucht Wertschätzung im Außen.
  • misst den Meinungen anderer eine zu große Bedeutung bei.

Über materiellen Besitz habe ich mich nie definiert. Geliebt werden möchte ich schon. Aber um jeden Preis? Auch die anderen zwei Punkte sind Auslegungssache. Es ist mir nicht schnurzegal, was andere über mich denken, für Wertschätzung von außen bin ich empfänglich – und wenn ich tiefer in mich hineinhorche: Das Gefühl, nicht wahrgenommen oder übergangen zu werden, finde ich schrecklich. Schlummern also negative Emotionen in mir? Wie war das kürzlich bei der Auseinandersetzung mit meiner Freundin? Spielten da etwa ein paar böse Gefühle mit rein – Ablehnung, Eifersucht oder gar Neid?

Vom Neid befallen?

Diesen drei sowie zwölf weiteren Emotionen wie Schuldgefühle, Beklemmungen, Depression etc. widmet Bernardo Stamateas in ›Toxische Gefühle‹ ein eigenes Kapitel. Auf rund zehn Seiten grenzt er jeweils das ›normale‹ Gefühl von dessen toxischer Ausprägung ab. Mittels Ja-Nein-Tests kann man beispielweise überprüfen, ob man perfektionistisch und daher womöglich toxisch unzufrieden ist oder ob man eine Disposition zu Co-Abhängigkeit besitzt. Ich blättere gleich zu Neid:

  • Geht es Ihnen schlecht, wenn ein Freund beruflich einen Erfolg zu verbuchen hat?

Diese und acht weitere von zehn Fragen beantworte ich mit Nein und kann Bernardo Stamateas zufolge aufatmen: Von Neid befallen wäre ich erst ab vier Zustimmungen. Glück gehabt.

Also weiter zur Ablehnung. Die toxische Wirkung der Ablehnung habe mit einem wichtigen menschlichen Bedürfnis zu tun: der Sehnsucht nach Anerkennung. »Die Ablehnung ist die leidvollste emotionale Verletzung, die wir erleben können, denn akzeptiert zu werden ist der Reisepass, der uns eine Daseinsberechtigung gibt.« Hier gibt es keinen Test, dafür Strategien und Techniken, um sich von dem Gefühl der Ablehnung zu befreien. Bernardo Stamateas plädiert dafür, in sich selbst zu investieren, gut über sich selbst zu sprechen und sich vor allem mit Menschen zu umgeben, »die Sie mögen und lieben, anstatt auf solche, die Sie herabsetzen und zerstören.«

Wie man solche Personen leicht identifiziert und sich von ihnen abgrenzt, hat Bernardo Stamateas 2013 in seinem Buch ›Toxische Typen‹ beschrieben.

Der Spitzenplatz im Ranking der toxischen Emotionen: die Scham

Auf einem der ersten Plätze im Ranking der toxischen Emotionen sieht Bernardo Stamateas das Gefühl der Scham. »Es ist unglaublich, welchen Schaden es anrichtet, was wir seinetwegen verlieren und in welcher Weise es uns einschränkt und quält.« Die Angst, peinlich oder lächerlich zu wirken, hindere viele Menschen, ihr Potenzial voll zu entfalten.

Beim Test kreuze ich einige Male Ja an – und werde vom Autor beruhigt. »Falls Sie häufig mit Ja geantwortet haben, müssen Sie sich keine Sorgen machen!« Das Gefühl der Scham basiere »auf einem subjektiven Gefühl der Unzulänglichkeit und Unfähigkeit«, das sich leicht überwinden lässt. Die dazu nötigen Strategien und Techniken sind:

  • Bringen Sie die innere Stimme der Scham zum Schweigen.
  • Man ist kein Versager, nur weil man einen Fehler macht.
  • Lachen Sie über Ihre Fehler.
  • Lassen Sie das Genie aus Ihrem Inneren zutage treten.

Sicherlich ist das leichter gesagt als getan: Das Genie in mir hat sich, glaube ich, noch nicht allzu oft geregt. Dafür gelingen mir die Punkte eins bis drei. Manchmal. An der Uni wurde ich beispielsweise noch bei wirklich jeder meiner Wortmeldungen knallrot im Gesicht. Heute halte ich Projekttage für SchülerInnen, Workshops für Erwachsene oder moderiere Lesungen. Obwohl man mir anfangs die Aufregung ansah und -hörte, habe ich weitergemacht. Wahrscheinlich bin ich darauf ein bisschen stolz.

Gut so, meint Bernardo Stamateas, der in ›Toxische Gefühle‹ dazu ermutigt, sich über sich selbst zu freuen und in aktiver Geduld zu üben: »Ich bin zuversichtlich, dass die Dinge sich morgen zum Guten für mich wenden.« Wird gemacht – und solange habe ich auch kein Problem damit, einen Fehler einzugestehen. Okay, fast kein Problem …

›Toxische Gefühle‹ ist als Klappenbroschur und eBook erhältlich:

Bernardo Stamateas
Toxische Gefühle

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