Elisa Albert: Das Buch Dahlia

Mit der Musik, die die Autorin beim Schreiben inspiriert hat

Wird in Klappentexten darauf hingewiesen, man habe »die ganze Nacht durchgelesen« und das Buch »unmöglich aus der Hand legen« können, handelt es sich für gewöhnlich um Reißer, um Bücher, die von Bösewichtern und Verschwörungen nur so wimmeln. Elisa Alberts düster funkelnder Romanerstling ›Das Buch Dahlia‹ mag uns zwar durchaus schlaflose Nächte bereiten, aber er ist kein Thriller. Nein, Albert ist etwas ganz Seltenes gelungen – ein Buch mit einer derart unverwechselbaren Stimme und einem so eigenen Blick auf die Welt, dass es sich so packend liest wie ein Thriller.

 

Elisa Albert lebt in Albany und Brooklyn, New York. ›Das Buch Dahlia‹ ist ihr erster Roman.

 

Die Handlung des Romans ist trügerisch schlicht: Angesichts einer tödlichen Krankheit überdenkt eine junge Frau ihr Leben. Eines Abends erleidet die neunundzwanzigjährige Dahlia Finger in dem Haus, das ihr wohlhabender Vater ihr gekauft hat, bekifft vor dem Fernseher einen Grand-Mal-Anfall. Als sie eine Woche später aus dem Koma erwacht, erfährt sie, dass die Ärzte einen inoperablen Hirntumor entdeckt haben. […]

Mit dem Krebs kommt nicht etwa die Orientierung – dieses Buch ist kein Hollywoodfilm à la ›Das Beste kommt zum Schluss‹. Vor der Diagnose hing Dahlia in ihrem Haus herum, zog sich Spielfilme rein und bedröhnte sich; nach ihrer Diagnose hängt sie im Haus herum, zieht sich Spielfilme rein und bedröhnt sich (wenn auch jetzt mit ärztlich verordnetem Marihuana). […]

Romane werden von Fragen angetrieben, und hier hätte es nahegelegen, die Leser darüber im Unklaren zu lassen, ob Dahlia sterben wird. Dies jedoch beantwortet Albert gleich, denn ihr Interesse gilt komplexeren Fragen: »Eigentlich hatte man sein Leben randvoll mit Leuten zu füllen, die sehr unglücklich waren, wenn man starb.« Weshalb ist sie an etwas so Grundlegendem gescheitert? Was bedeutet es, ein Leben aufzugeben, das in vielerlei Hinsicht bereits auf der Strecke geblieben ist? Und gibt es noch eine Möglichkeit, diesem Leben einen Sinn abzugewinnen?

›Das Buch Dahlia‹ mag unerträglich traurig klingen, und das ist es auch, aber gleichzeitig ist es hochkomisch, durchzogen von beißendem Sarkasmus und poetischen Pöbeleien. Häufig sind Humor und Traurigkeit geradezu unentwirrbar miteinander verwoben. Dahlias Vater zum Beispiel beharrt unermüdlich auf optimistischen Fehlinterpretationen der ärztlichen Diagnose: »Nicht unbedingt schlechteste Stelle, nicht unbedingt schlimmster Tumor, notierte er, während der Chef der Neurologie darlegte, es handle sich in der Tat um den schlimmsten Tumor.« […]

›Das Buch Dahlia‹ wird gewiss seine Kritiker finden, die ebenso leidenschaftlich sind wie seine Bewunderer.

»Eine verachtenswerte, egozentrische, deprimierende, faule, schlampige, verwöhnte, verkorkste, womöglich geistesgestörte Verliererin stirbt. Na und?«, heißt es im Buch. Albert beantwortet ihr »Na und?« mit einem zutiefst einfühlsamen, ganz und gar unsentimentalen Porträt. Wer eine Schilderung von Krankheit als Feuerprobe für den Triumph des menschlichen Geistes erwartet, wird enttäuscht. Dieses Buch richtet den Blick unbeirrbar auf eine komplexere Wahrheit, und genau darin liegt sein Triumph.

Von Katharine Noel, San Francisco Chronicle, 23. März 2008

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow

Playlist zum Buch

Elisa Albert: Das Buch Dahlia

 

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