David Adam: Zwanghaft

David Adam: Zwanghaft
Genetisch, evolutionär, familiär, sozial, umweltbedingt, ansteckend, medizinisch, traumatisch – oder doch einfach nur unglückselig? In seinem Buch ›Zwanghaft‹ erforscht der britische Wissenschaftsjournalist David Adam die Wurzeln und Ursachen von Zwangsstörungen.

Winston Churchill bekleidete das Amt des Ersten Lords der Admiralität, reiste aber nicht gern per Schiff, weil er dann den magischen Drang verspürte, ins Wasser zu springen. Der dänische Kinderbuchautor Hans Christian Andersen stand nachts mehrmals auf, um nachzuprüfen, ob er die Kerze ausgeblasen und die Haustür verschlossen hat. Kapitän Ahab in Melvilles Klassiker ›Moby Dick‹ ist von der Idee besessen, den weißen Pottwal zu töten; und in Dostojewskijs ›Schuld und Sühne‹ versteigt sich der Student Raskolnikow in den Wahn eines erlaubten Verbrechens. Diese historischen Persönlichkeiten und literarischen Figuren sind vier von vielen Beispielen, anhand derer David Adam in seinem Buch ›Zwanghaft‹ die ebenso faszinierende wie bedrückende Welt der Obsessionen durchleuchtet.

Teufelskreis Zwangsstörung

Zwangsstörungen sind nach Depression, Drogenmissbrauch und Angststörung die vierthäufigste psychische Erkrankung; laut Expertenschätzung leiden zwischen zwei und drei Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens daran. David Adam ist einer von ihnen. 1994 entwickelt er mit 22 Jahren die fixe Idee, sich mit HIV infiziert zu haben: »Ich überprüfe zwanghaft, ob ich es nicht schon getan habe, und verhalte mich so, dass ich es auch in Zukunft nicht tun werde. Ich sehe überall HIV. Das Virus lauert auf Zahnbürsten und Handtüchern, auf Wasserhähnen und Telefonen.« Dass seine Angst irrational ist, weiß Adam – und genau das zeichnet eine Zwangsstörung aus. Um die lästigen Gedanken zu verscheuchen, beginnen die Betroffenen Zwangshandlungen auszuführen, die wiederum die Gedanken verstärken. So geraten sie in einen Teufelskreis: An OCD (engl. obsessive-compulsive disorder = Zwangsstörung) Erkrankte können täglich bis zu sechs Stunden mit Zwangsvorstellungen und vier Stunden mit Zwangshandlungen verbringen.

4000 Gedanken am Tag

»Im Durchschnitt hat der Mensch bis zu 4000 Gedanken am Tag. Nicht alle sind nützlich oder rational«, erklärt David Adam. »Es gibt unwichtige Wörter, Wendungen, Namen und Bilder, die einem unvermittelt in den Sinn kommen, oft, wenn man banale Tätigkeiten ausführt.« Mitunter sind krude Vorstellungen, Sorgen oder auch Ängste dabei. Doch solange man diese nicht als überaus belastend, sondern als ›egosyntonisch‹ erlebt, ist alles im verhältnismäßig grünen Bereich. Egosyntonische Gedanken stehen im Einklang mit unserem Selbstbild, unseren Motivationen und Handlungen. Anders sieht es mit den irrationalen ›egodystonischen‹ Gedanken aus. Diese werden als störend und unangenehm empfunden: »Sie verursachen eine mentale Dissonanz«, erklärt Adam. »Sie stehen im Widerspruch zu unserem Selbstbild und dazu, wie wir von anderen gesehen werden wollen. Schon allein diese Gedanken zu haben, reicht aus, um uns selbst infrage zu stellen.« Damit bilden sie sozusagen den Rohstoff der Zwangsgedanken.

So decken Sie klassische Zwangsgedanken auf

Der israelische OCD-Experte Joseph Zohar erstellte eine Liste mit fünf Fragen, die helfen sollen, klassische Zwangsgedanken aufzudecken:

  • Waschen oder putzen Sie viel?
  • Überprüfen Sie Dinge häufig?
  • Gibt es einen Gedanken, der Sie beunruhigt und den Sie gerne loswerden möchten, was Ihnen jedoch nicht gelingt?
  • Brauchen Sie lange für Ihre alltäglichen Verrichtungen?
  • Sind Sie sehr auf Ordnung oder Symmetrie bedacht?

Keine Bange, falls Sie sich ertappt fühlen: Selbst wer eine Frage mit Ja beantwortet, leidet nicht zwangsläufig unter eine Zwangsstörung. In Krisensituationen sollte eine positive Antwort indes Anlass für weitere Fragen sein.

Einblick in eine zwanghafte Gedankenwelt

Auf der Spur des Mr. Hyde in sich – und uns allen – spannt David Adam den Bogen von Sigmund Freud und dessen Theorie des analen Charakters bis hin zu neuesten Erkenntnissen aus Medizin, Gen- und Gehirnforschung. So scheinen Gene und Umwelt bei der Entwicklung einer Zwangsstörung eine gleich große Rolle zu spielen. Betroffene können also weder die von den Eltern geerbten Gene noch deren Erziehung für ihr Leiden verantwortlich machen.

2010 entschließt sich Adam zu einer kognitiven Gruppen-Verhaltenstherapie. Er erzählt, wie er und seine Leidensgenossen über sich und ihre irrationalen Ängste lachen. Nach jahrelangem Leben mit der Zwangsstörung empfinden sie diese nicht mehr als geheimnisvollen Fluch, sondern eher als »eine Hand auf unserer Schulter, ein Affe auf unserem Rücken, ein irritierender Schatten. Wir hatten die Nase voll von ihr. Wir wollten sie loswerden. Aber wir würden sie wahrscheinlich auch vermissen.«. Sein Buch sei nicht als Ratgeber gedacht, betont Adam in ›Zwanghaft‹. Doch da er neben vielen realen Fallbeispielen einen so offenen und ehrlichen Einblick in seine eigene zwanghafte Gedankenwelt erlaubt, hilft er, die psychische Krankheit besser zu verstehen.

Tina Rausch

›Zwanghaft‹ ist als Klappenbroschur und eBook erhältlich:

David Adam
Zwanghaft

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