Der Aufziehhund im Vestibül – ein Besuch bei Sofka Zinovieff

Am Schauplatz von ›Mad Boy, Lord Berners, meine Großmutter und ich‹

Exzentrische Gastgeber, berühmte Gäste, legendäre Feste – schnell übersieht man bei der Lektüre von Sofka Zinovieffs hinreißendem Memoir ›Mad Boy, Lord Berners, meine Großmutter und ich‹ die heimliche Hauptperson des Buches: Faringdon House. Exquisit und eigenwillig eingerichtet bot das Anwesen die perfekte Bühne für Lord Gerald Berners und Robert Heber-Percy. Lektorin Hella Reese hat die Autorin dort besucht.

Als ich Sofka Zinovieff an einem regnerischen Apriltag im Frühjahr 2017 besuchte, war ich natürlich neugierig: Ob der Geist von Faringdon auch Jahrzehnte später noch zu spüren ist? Nach der warmherzigen Begrüßung durch die Hausherrin galt denn auch eine meiner ersten Fragen der originellen Handtasche ihrer Großmutter Jennifer. Und tatsächlich, die Tasche wird immer noch im Salon auf dem vergoldeten Rokoko-Sessel in Ehren gehalten, auf dem sie bei dem überstürztem Aufbruch ihrer Besitzerin Jahrzehnte zuvor liegen geblieben war. Überhaupt, der Salon! Trotz seiner 16 Meter Länge wirkt er wie ein gemütliches Wohnzimmer, mit einem fantastischen Blick auf die sanft geschwungenen Wiesen hinter dem Haus. Es hätte mich nicht gewundert, wenn in der nächsten Minute Lord Berners den Raum betreten hätte, um an seinem Flügel eine seiner Kompositionen zu spielen …

Bei einer Führung durch das Haus wird deutlich, dass Änderungen behutsam vorgenommen wurden. Neu Hinzugekommenes wie etwa eine alte russische Harfe, eine Lenin-Büste oder eine eingenwillige Installation fügen sich zwanglos in das ursprüngliche Mobiliar ein. Von dem im Stil von Henri Rousseau ausgemalten Badezimmer konnte ich mich kaum losreißen. Ich verstehe gut, warum die Gäste gern gekommen sind – und manche gleich länger blieben (die Einträge in den alten Gästebüchern sprechen Bände). Und auch heute spielen Tiere eine wichtige Rolle in Faringdon: Nach wie vor wird das Gefieder der Tauben in allen Farben des Regenbogens gefärbt – lediglich in der kalten Jahreszeit übernehmen beleuchtete Taubenfiguren die Aufgabe, die exzentrische Tradition hochzuhalten. Und der Haus-Hase Barnaby braucht sich vor nichts zu fürchten, solange im Vestibül ein viktorianischer Aufziehhund Wache hält.

Kein Wunder also, dass Sofka Zinovieff sagt: »Wenn ich heute durch das Tor von Faringdon fahre, ist es noch immer so, als würde ich durch einen Spiegel das Wunderland betreten.« Und wer lässt sich nicht gern verzaubern?

Hella Reese, dtv Lektorat Literatur
© Bilder: Hella Reese, mit freundlicher Genehmigung von Sofka Zinovieff

 

Sofka Zinovieff
Mad Boy, Lord Berners, meine...
Sofka Zinovieff
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