»Der Garten umschloss sie immer fester, zeigte ihr Dinge, gab flüsternd seine Geheimnisse preis.«

Neuentdeckung eines vergessenen Bestsellers und einer großen Autorin

Die zehntausend DInge1958: Die englischsprachige Ausgabe steht auf den amerikanischen Bestsellerlisten. Das ›Time Magazine‹ ernennt ›Die zehntausend Dinge‹ neben ›Lolita‹, ›Doktor Schiwago‹ und ›Frühstück bei Tiffany‹ zu einem der besten Romane des Jahres. Eine große Autorin, ein Buch für alle Sinne – voller Farben, Düfte und Geschichten. Bild: Collage zu einem Artikel über Maria Dermoût ( ›Haagse Post‹, 5. Juli 1958).

›Die zehntausend Dinge‹

Die zehntausend DingeEine alte Gewürzplantage auf einer indonesischen Insel, die wispernde und raschelnde tropische Pflanzenwelt, das geheimnisvolle Säuseln des Meeres – dieses paradiesische Fleckchen Erde muss Felicia als Kind verlassen. Doch niemals wird sie die Worte ihrer Großmutter, der Plantagenbesitzerin, vergessen, die ihr zum Abschied sagt: »Auf Wiedersehen, Enkeltochter, ich warte hier auf dich.« – Jahre später kehrt Felicia, inzwischen Mutter eines kleinen Sohnes, in den »Kleinen Garten« zurück: Auch Himpies wächst unbeschwert heran, streift über die Plantage und lauscht den Geschichten der einheimischen Dienstboten, bis sich eines Tages eine Tragödie ereignet. In ihrem Roman beschwört Maria Dermoût eine exotische Welt, in der die zeitlichen Grenzen aufgehoben sind, die Vergangenheit so mächtig ist wie die Gegenwart, die Toten kommen und gehen und kleine Objekte große Geschichten erzählen. Ein traumverlorener Blick auf ein weit entferntes Land, auf eine längst untergegangene Welt – Wehklage und Ode auf das Leben zugleich.

EIN WORT VORAB VON LEKTORIN HELLA REESE

tenthousend_81-ztmznwhlIn der niederländischen Literatur nimmt Maria Dermoût, die im Alter von 62 Jahren ihr erstes Buch veröffentlichte, eine einzigartige Stellung ein. Ihr Werk leuchtet und fasziniert bis heute. Insbesondere gilt dies für ihren Roman ›Die zehntausend Dinge‹, der 1955 erschien und in bislang dreizehn Sprachen übersetzt wurde. Die englischsprachige Ausgabe stand 1958 nicht zufällig neben Boris Pasternaks ›Doktor Schiwago‹ und Truman Capotes ›Frühstück bei Tiffany‹ auf den amerikanischen Bestsellerlisten. Was macht dieses Buch so besonders? Es verströmt einen ganz eigenen Zauber und entzieht sich jeder Kategorisierung. Sicher ist dabei nur eines: Obwohl die Autorin aus der damaligen Kolonie Niederländisch-Indien stammt, lässt sich der Roman nicht der gängigen Kolonialliteratur zuordnen. Geboren auf einer Zuckerrohrplantage in Zentral-Java, gehörte Maria Dermoût als Tochter des Verwalters zur oberen Gesellschaftsschicht der auf den Inseln lebenden Europäer. Dennoch fühlte sie sich der einheimischen Bevölkerung nie überlegen. Angeblich soll sie selbst malaiische Vorfahren gehabt haben – ihre Familie lebte bereits seit vier Generationen dort –, darüber hat sie sich jedoch stets ausgeschwiegen. Für sie war der Ostindische Archipel schlicht ihre Heimat, und auch nach ihrer Übersiedlung in die Niederlande 1933 blieb Maria Dermoût den Gewürzinseln eng verbunden.

Schon in jungen Jahren wandte sich Maria Dermoût dem Schreiben zu, publizierte 1908 ihre ersten Erzählungen in einer Wochenzeitschrift. Ihr Leben lang hielt sie Begebenheiten und Naturbeobachtungen in Notizbüchern fest, die später in ihre Prosa einfließen sollten, wobei sie östliche Philosophie mit westlichen Erzählmethoden verband. In ihren Erzählungen und zwei Romanen beschwört Maria Dermoût mit sinnlichen Beschreibungen die Landschaft ihrer Kindheit herauf und eröffnet dem Leser den Blick in eine exotische Welt, in der die Vergangenheit so mächtig ist wie die Gegenwart. Inmitten der üppigen tropischen Flora und Fauna, die zum Greifen nah zu sein scheint, bewegt sich die Autorin in konzentrischen Kreisen um den Kern des Seins, das ewige Werden und Vergehen, in einer Welt, in der jedem Ding eine magische Kraft innewohnt und Vergänglichkeit relativ ist.

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SEITE 1: ›Die zehntausend Dinge‹
SEITE 2: Wer war Maria Dermoût? (Teil 1)
SEITE 3: Wer war Maria Dermoût? (Teil 2)
SEITE 4: Zeittafel zu Leben und Werk

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