Die Aktualität Erich Fromms

Ein Beitrag von Dr. Rainer Funk

Erich Fromm Gedenktage: 30. Todestag am 18. März 2010, 110. Geburtstag am 23. März

An sechs Entdeckungen und Erkenntnissen Fromms soll nachfolgend seine Aktualität für den Menschen an der Jahrtausendwende aufgezeigt werden:

  • Das Marketing als neues Strukturprinzip
  • Haben statt zu sein
  • Die Bevorzugung inszenierter Wirklichkeit
  • Kollektive narzisstische Größenphantasien und die Ächtung des Schwachen
  • Die Attraktivität des Leblosen und Dinglichen
  • Das Wissen um die Kunst des Lebens

Das Marketing als neues Strukturprinzip

In keiner uns bekannten Epoche der Menschheit hat das Marketing eine so umfassende und alle Lebensbereiche bestimmende Bedeutung gehabt, wie an der Wende zum 3. Jahrtausend. Das Marketing (im Sinne von „Vermarktung”) ist zur Philosophie der Wirtschaft, ja für viele heute zum Sinn des Lebens geworden. Alles orientiert sich daran, ob sich etwas „vermarkten” lässt: Politik richtet sich fast ausschließlich danach, was beim Wähler „ankommt” und das eigene Image fördert; Religion ist wahr, wenn sie ‘rüberkommt; Kultur misst sich am Umsatz, also an dem, wie gut sie sich verkaufen lässt; es geht nicht darum, eine Persönlichkeit zu sein, sondern eine zur Darstellung zu bringen (weil man glaubt, dann eine „Ausstrahlung” zu haben); mit Not, Bedürfnissen, Wünschen gilt es, Geschäfte zu machen und erfolgreich zu sein; soziale Dienste haben sich am Kunden zu orientieren; wissenschaftliche Erkenntnis muss in erster Linie erfolgreich sein, und der Erfolg zeigt sich an der Menge der Publikationen und an der Position, die man in der Ranking-Liste einnimmt, usw. Die Zauberformel heißt überall: Orientierung am Marketing.

Dies war vor 50 Jahren noch völlig anders. Damals wurde das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben noch vom Anspruch auf „Herrschaft” (in Form von Kapital, Wissen, Standes- oder Klassenzugehörigkeit, Macht, Wahrheitsbesitz, Sachkompetenz usw.) bestimmt. Fromm hatte als erster Psychologe in den dreißiger Jahren mit dem Konzept der „autoritären Orientierung” aufgezeigt, dass der Anspruch auf Herrschaft damals alle Bereiche menschlichen Lebens dominierte und strukturierte. Was gemeinhin mit der Rebellion der 60er Jahren apostrophiert wird, lässt sich als Protest gegen diese autoritäre Orientierung begreifen und bildet eine Voraussatzung dafür, dass die Marketing-Orientierung dominant werden konnte.

Mit Fromms Konzept der Marketing-Orientierung, von ihm bereits in den vierziger Jahren (vor allem in dem Buch Psychoanalyse und Ethik, 1947a, GA II) entwickelt, lassen sich viele „Zeichen der Zeit” verstehen. Konformismus, Flexibilität, Mobilität, Individualisierung, Egoismus, Sentimentalisierung, „Coolness” usw. sind deshalb Leitwerte des gegenwärtigen Menschen, weil sie unerlässliche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Marketing sind und weil das Marketing zum wichtigsten strukturierenden Prinzip in den meisten Lebensbereichen geworden ist.

Psychologisch gesehen bedeutet die Orientierung am Marketing immer, dass nicht das eigene Sein zählt – also die tatsächlichen Fähigkeiten, Eigenheiten, Bedürfnisse, Gefühle, Gedanken eines Menschen, sondern das, was sich verkaufen lässt, was ankommt, was vielversprechend verpackt ist. Es kommt nicht auf das eigene Sein und den tatsächlichen Inhalt an, sondern auf die Vorgabe und die Inszenierung. Nicht das, was faktisch gegeben ist, sondern das, was erzeugt und suggeriert werden kann, bringt weiter, ist und macht erfolgreich. So führt die Marketing-Orientierung faktisch zu einer Entwertung des Seins und des authentischen Selbsterlebens des Menschen.

Diesen Mangel an (Selbst-)Sein und an Selbsterleben versucht die menschliche Psyche auf verschiedene Weise zu kompensieren. Fromm hat einige der häufig praktizierten Kompensationsversuche aufgezeigt und damit zugleich der Gesellschaft „Spiegel” in die Hand gegeben, in denen sie sich und ihr Tun und Streben wiedererkennen kann. Eine gerade heute bevorzugte Kompensation ist die Orientierung am Haben statt am Sein.

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Dr. Rainer Funk ist Psychoanalytiker in eigener Praxis in Tübingen. Er hat über Erich Fromms Sozialpsychologie und Ethik promoviert, war Fromms letzter Assistent und ist sein literarischer Rechte- und Nachlassverwalter.

 

Erich Fromms Werke bei dtv:

Erich Fromm
Die Kunst des Liebens
Erich Fromm, Rainer Funk
Haben oder Sein
Erich Fromm
Den Menschen verstehen
Erich Fromm
Die Furcht vor der Freiheit
Erich Fromm
Die Seele des Menschen
Erich Fromm, Rainer Funk
Ihr werdet sein wie Gott Psychoanalyse...
Erich Fromm
Jenseits der Illusionen
Erich Fromm, Hans Jürgen Schultz
Über die Liebe zum Leben
Erich Fromm
Wege aus einer kranken Gesellschaft

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