Die etwas andere Protestaktion

»Esse est percipi« – George Berkeley
Ein so kurzer Satz und doch verbirgt sich eine ganz große Bedeutung dahinter:

»Sein bedeutet wahrgenommen werden.«

Wie viele haben nicht in Zeiten der Wirtschaftskrise die grausame Härte und Rigorosität des Stellenabbaus zu spüren bekommen.
Firmen und Fabriken müssen verlagert werden, da billigere Arbeitskräfte den Erhalt eines Unternehmens dauerhaft sichern sollen.
Was bedeutet es jedoch für die Angestellten, die plötzlich ohne Arbeit dastehen? Ungefragt und ohne Aussichten auf eine neue Arbeitsstelle sollen sie ihren Alltag weiterführen und keiner denkt nach, was das für den kleinen Mann ab 40 überhaupt bedeutet. »Die Welt dreht sich weiter.«
Doch was passiert wenn ein unsichtbarer Mann, einer unter vielen, den Kampf gegen die großen Bosse – »David gegen Goliath« – wagt?

Passiert überhaupt etwas?

Genau dieses Drama spielt sich in dem kleinen Ort Crindau im Süden von Wales ab. Aidan Walsh – und mit ihm über 2000 Mitarbeiter – sollen ihre Arbeit bei Sunny Jim Electronics verlieren. Die Produktion soll nach Asien verlagert werden.
Doch Aidan will sich das nicht gefallen lassen. Er sträubt sich dagegen, dass die großen Unternehmer mit ihnen machen können was sie wollen und dass dann auch noch der Chef 750.000 Pfund Boni für die »erfolgreiche Umsetzung des globalen Restrukturierungsprogramms« erhalten soll.
Aidan beschließt deshalb kurzerhand sich einen Sarg zu besorgen und sich solange ›lebendig begraben zu lassen‹ bis Sunny Jim Electronics bestehen und ihre Jobs erhalten bleiben.

»Extreme Notlagen erfordern eben extreme Maßnahmen.«

Bei seinem Vorhaben wird Aidan von seinen beiden Kindern Dylan und Shauna und von seinen besten Kumpels tatkräftig unterstützt.
Die in die Jahre gekommenen Freunde kaufen sich sogar – unter Widerstand – alle ein Handy, damit sie jederzeit erreichbar sind, falls Aidan unter der Erde Probleme kriegen sollte. Ihnen wird von Pancho, dem spanischen Lieferanten, höchstpersönlich erklärt, was sie mit diesem Gerät anstellen können, dabei ›sahen sie aus wie Schüler, denen eine Mathe-Arbeit bevorstand.‹
Auch das Essen, dass Frank der Barbesitzer ihm täglich auf Bestellung bringt, stellt sich – trotz vorherigem Trainings – als äußerst schwierig heraus: Voller Vorfreude »schnitt er sich ein Stück von der Pastete ab, pustete darauf und schob es sich vorsichtig in den Mund. Er begann nicht gleich zu kauen, ließ es sich nur auf der Zunge zergehen, genoss die Wärme und den Fleischsaft. Ein Augenblick reiner Ekstase.« … Bis sein Handy klingelte und er »heftig zusammenzuckte, die Tupperwaredose umkippte und der Inhalt sich auf seinem Bauch ergoss.«
Nachdem die ersten Schwierigkeiten im Sarg – seinem neuen Zuhause auf Zeit – überstanden sind, beginnt für Aidan eine Zeit des Nachdenkens und der Selbsterkenntnis über sich und seine Familie, nach dem Tod seiner geliebten Frau Eileen.
Doch als der Plan endlich zu fruchten beginnt und der Erfolg in greifbarer Nähe steht, tun sich immer tiefere Abgründe auf. Die Vergangenheit, vor der sich Aidan viele Jahre versteckt hat, holt ihn schließlich ein.

›Ab nach unten‹ ist nicht nur eine witzige Geschichte über einen Mann, der zu ungewöhnlichen Mitteln greift, um seine Arbeitstelle zu retten. Es ist vielmehr eine Geschichte mit einem zutiefst ergreifenden Hintergrund und der Frage nach der eigenen Identität.
Eine Geschichte, in der ein Mann in sehr kurzer Zeit eine Reise durch sein Ich durchlebt und mit seinem alten Leben endlich abschließen kann.

Ray French schafft es, trotz der bedrückend traurigen Hintergrundgeschichte, seinem Roman eine komisch verzerrte Note zu verleihen.
Einfach menschlich – überraschend unerwartet – traurig und komisch zugleich!

Ray French: Ab nach unten

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