Die Frau in Weiß

Erster moderner Detektivroman

»Was die Geduld einer Frau zu ertragen und die Entschlossenheit eines Mannes zu erreichen vermag, davon handelt dieser Bericht.«

So lauten die einleitenden Zeilen der ›Frau in Weiß‹ und ein wenig dieser beiden Tugenden, Geduld und Entschlossenheit, wird durchaus auch vom Leser verlangt, wenn man sich auf den 650 Seiten starken »Criminal-Roman« von Wilkie Collins einlässt. Aber so viel sei gleich zu Beginn verraten: Enttäuscht werden nur die Ungeduldigen.

Dass Kriminalliteratur – zumal in den Kinderschuhen befindlich – vor 150 Jahren anders geschrieben wurde als heute, liegt auf der Hand. Wer also einen rasanten Thriller vom Schlage eines Jussi Adler Olsen erwartet, ist bei Wilkie Collins an der falschen Adresse.

Wilkie Collins: Die Frau in Weiß
Die Frau in Weiß‹ besticht durch andere Qualitäten. In Anwendung einer äußerst raffinierten Erzähltechnik lässt Wilkie Collins seine Figuren wie Zeugen vor einem Gericht auftreten, wobei dem Leser die Rolle des Richters vorbehalten ist. In drei aufeinander folgenden Zeitabschnitten geben die Protagonisten ihre subjektive Sicht der Geschehnisse wieder und rekonstruieren so einen Fall, dessen Komplexität sich der staatlichen Gerichtsbarkeit entzieht. Die Wahrheitsfindung wird somit zur Aufgabe des Lesers, dem das moralische Urteil über die Handelnden überlassen bleibt.

Schlüsselfigur der ›Frau in Weiß‹ ist der junge Zeichenlehrer Walter Hartright. Sein unbedingter Wille, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, aber auch die selbstlose Liebe zur unschuldig ins Unglück gestürzten Laura, sind die Triebfedern seiner unermüdlichen Aufklärungsarbeit. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, seine Unerschrockenheit und sein Verstand stehen der skrupellosen Berechnung der finsteren Figuren der ›Frau in Weiß‹ gegenüber.

Wilkie Collins versteht es meisterhaft dieses Spannungsverhältnis von Gut und Böse, Recht und Unrecht, dass sich wie ein roter Faden durch ›Die Frau in Weiß‹ zieht, atmosphärisch zu verdichten. Stimmungen, wie sie erzeugt und eingefangen werden, sind eine der großen Stärken der ›Frau in Weiß‹. Ob in den geschäftigen Gassen Londons oder den entlegenen Weiten der englischen Provinz, stets sind das Innenleben der Charaktere und ihre Umgebung feinfühlig aufeinander abgestimmt.

Aber so gewinnend Walter Hartright und die Damen an seiner Seite, allen voran Lauras‘ tapfere Schwester Marian, auch sein mögen – es sind die düsteren Gestalten, die der ›Frau in Weiß‹ das gewisse Etwas verleihen. Sir Percival Glyde, dessen gesamte adlige Existenz auf einem Verbrechen aufbaut, und sein zwielichtiger Freund, der italienische Graf Conte Fosco, repräsentieren die dunkle Seite in Wilkie Collins‚ ›Die Frau in Weiß‹. Von latenten Geldsorgen getrieben, scheinen sie zur Durchsetzung ihrer Interessen bereit bis zum Äußersten zu gehen. Auf kapitale Kosten des »schwachen« Geschlechts – in Person von Laura und ihrer rätselhaften Doppelgängerin, der ›Frau in Weiß‹ – suchen die beiden Edelmänner sich zu bereichern.

Doch während List und Tücke bei Sir Percivals unverhüllt zu Tage treten, präsentiert Wilkie Collins mit dem weltgewandten Mäusedompteur Conte Fosco eine der schillerndsten Figuren der frühen Kriminalliteratur. Stets taktvoll und charmant, insbesondere der Damenwelt gegenüber, bleiben die wahren Motive seines Handelns lange Zeit undurchdringlich. Schelm und Schurke finden sich im Conte vereint, der, anders als der mitunter jähzornige Sir Percival Glyde , niemals die Nerven verliert und auch in der vermeintlichen Niederlage ganz Gentleman bleibt. Allein, wie sich der italienische Bonvivant über englische Eigenarten mokiert, ist die Lektüre wert. Und die humoristischen Züge, die seine Figur der ›Frau in Weiß‹ verleiht, sind eine Bereicherung sondergleichen.

Die Gründe dafür, dass ›Die Frau in Weiß‹ einen Gewinn für Leser verschiedenster Vorlieben bedeutet, sind also vielschichtig: Der Plot ist intelligent gestrickt, die Spannungskurve verläuft nichtlinear und ein innovativer Wilkie Collins lässt Personen von außergewöhnlicher Tiefe auftreten. Nicht zu Unrecht ist die Rede vom ersten Detektivroman der Weltliteratur, der laut SPIEGEL »schönere Schauer [weckt], als die meisten Mordfabeln der Gegenwart«.

Felix Kaus, dtv Presseabteilung

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