Die harte Schule

Detektivromane: Michael Chabon

Detective Meyer Landsman ist seit der Trennung von seiner Frau Bina mit einem Schnapsglas liiert. Er wohnt in einem schäbigen Hotel und hat ungern zu viel Zeit:

»Das Problem sind die Stunden, in denen er nicht arbeitet und seine Gedanken durch das offene Fenster seines Hirns fortgeweht werden wie Blätter vom Schreibtisch. Manchmal braucht man einen mächtigen Briefbeschwerer, um sie festzuhalten.«

Ein klarer Fall: Landsman steht in der Tradition der ›Hardboiled Detectives‹; im Jahr 2007 streift er durch die dunklen Bars des Distrikts Sitka wie einst Philip Marlowe durch L.A. Dieser ermittelte erstmals in einigen Kurzgeschichten, die ab Dezember 1933 im ›Black Mask Magazine‹ erschienen. Der Autor Raymond Chandler war damals noch einer unter vielen. Krimis galten als trivial und wurden in billigen Groschenheften, den ›Pulp Magazines‹, abgedruckt. Doch Chandler schrieb anders. Im Mittelpunkt seiner Storys und Romane stehen weniger das Verbrechen und seine Aufklärung als vielmehr die detailverliebte Beschreibung von Orten, Situationen, Begegnungen und Menschen. Chandlers zynischer und einsamer Privatdetektiv Philip Marlowe ist Vorbild unzähliger Kommissare, und sein sarkastischer Stil prägt die Kriminalliteratur bis heute.

So geht auch bei Chabon der Einfluss des Altmeisters Chandler weit über die Figur des Detectives hinaus: Wenn ein Perlenvorhang wie »lose Zähne in einem Eimer« klappert, die Kaffeemaschine »hustet und spuckt wie ein angeschlagener jüdischer Polizist nach zehn Treppen«, und die Nacht »so lichtdurchlässig wie in Hühnerfett gedünstete Zwiebeln« scheint, glaubt man sich zurückversetzt ins Amerika der dreißiger und vierziger Jahre – und die eigentliche Tat, der Mord, gerät aus dem Blick.

Chandler selbst verschwieg indes nie, dass er sich anfangs an Dashiell Hammett orientierte. Dessen erfolgreichster Roman ›Der Malteser Falke‹ erschien 1930 und wurde durch die dritte Verfilmung mit Humphrey Bogart als Privatdetektiv Sam Spade weltbekannt. Der Filmklassiker aus dem Jahre 1941 läutete die Ära des Film noir ein, der sich mit düsteren Storys, verschachtelten Plots und Antihelden als Gegensatz zum konventionellen Hollywood-Kino verstand. Da der Film noir viele seine Inhalte aus der Kriminalliteratur schöpfte, nutzten Autoren die Gunst der Stunde und verdingten sich als hochbezahlte Drehbuch-Autoren in Hollywood. Darunter auch Hammett und Chandler, die ihre eigenen Krimis für die Leinwand adaptierten.

Ebendort wird demnächst ›Die Vereinigung jiddischer Polizisten‹ zu sehen sein. Die Oscar-prämierten Brüder Joel und Ethan Coen schreiben das Drehbuch, führen Regie und produzieren den Film mit. Beste Voraussetzungen also für eine gelungene filmische Umsetzung: Die Coens schufen mit ihrem Filmdebüt ›Blood Simple‹ eine Hommage an den Film noir, feierten mit ›Fargo‹, ›The Big Lebowski‹ oder ›Burn after Reading‹ große Erfolge und gelten in Hollywood als Spezialisten fürs Schräge und Makabre.

Tina Rausch

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten


 

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