Die Traumjäger

Eine literarische Entdeckung: Tom Drury

»Gleich einem Hund jagt er im Traume noch, und du starrst an die Wand,
wo die vergeh’nde Lampe flackert und Schatten auf- und niedersteigen.«

Tom Drury: Die Traumjäger

Der Klempner Charles Darling wohnt mit seiner Frau Joan und dem siebenjährigen Sohn Micah in einem alten Haus außerhalb der Stadt. Auch Joans 16-jährige Tochter Lyris, die nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde, wohnt seit kurzem wieder bei der Familie – in einem kleinen Anbau, der so gar nicht zum Rest des Hauses passen mag – die Versinnbildlichung der Patchworkfamilie.

»Die Leute hatten keine Ahnung, was für eine Anstrengung es sie kostete, einfach nur normal zu wirken, wie ein Wesen von dieser Welt.«

 

 

Wie Joan, so scheinen alle Mitglieder der Familie Darling der Zeit und dem normalen Leben auf eine gewisse Weise enthoben zu sein, gefangen in ihrem eigenen kleinem Kosmos. Der kleine Micah denkt einmal: »Es hätte Mitternacht sein können oder drei Uhr dreißig oder fünfzig Uhr hundert.«  Und wie auch Micah noch keinen Bezug zur Zeit hat, scheint der gesamte Roman in einer unbestimmten Zeit, fast einer Art Zeitlosigkeit zu spielen,  nur vereinzelt durchbrochen durch die Nennung von aktuellen Ereignissen, die den Bezug zu den 2000er Jahren herstellen.

Sind die Charaktere der zusammengewürfelten Familie auch denkbar unterschiedlich, so ist ihnen doch allen eins gemeinsam: Der Versuch, die eigenen Träume zu verwirklichen.
Charles möchte ein Gewehr haben, das einst seinem Stiefvater gehörte, Joan sehnt sich nach Romantik und einem neuen Kapitel in ihrem Leben, über das sie die Vergangenheit vergessen kann. »Manchmal kommt es mir vor, als wäre das, was aus mir werden soll, an der Rückwand des Universums befestigt und würde sich mit Lichtgeschwindigkeit von mir entfernen.«
Die 16-jährige Lyris träumt davon, Teil einer Familie zu sein, dauerhaft ein echtes zu Hause zu haben , endlich irgendwo anzukommen: »Er fragt, ob sie hierbleiben werde, jetzt, da Joan gegangen sei. Sie fragt, wo sie denn seiner Meinung nach sonst hingehen sollte.«
Der siebenjährige Micah möchte endlich das Fahrradfahren lernen und die Geheimnisse hinter den Dingen erkennen, ein Stück weit erwachsen werden, obgleich er für sein Alter bereits erstaunlich reif ist: »Es war verblüffend, wieviele Erwachsenengedanken einem plötzlich kamen, wenn keine Erwachsenen dabeiwaren, die einen daran erinnerten, dass man keiner von ihnen war.«

›Die Traumjäger‹ von Tom Drury beschreibt das Leben der Familie von einem Freitag bis zu einem Montag im Sommer.

Erzählt jeden Tag aus der Perspektive der vier Protagonisten.  Normales, Alltägliches geschieht neben Einschneidendem, Besonderem. Schließlich gelingt es den Familienmitgliedern auf unterschiedliche Art und Weise, mehr oder minder , sich ihre Träume zu erfüllen.

Tom Drury schreibt über scheinbar Alltägliches, haucht Szenen einen zarten, niemals zu aufdringlichen Humor ein, der die Leser zum Schmunzeln und Nachdenken anregt. Dabei beobachtet und begleitet er seine Figuren mit einer respektvollen Distanz, ohne sie in ihrer Suche nach dem Glück, der Jagd nach ihren Träumen einer moralischen Bewertung zu unterziehen.

Marianne Bohl, dtv-Redaktion

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