Doppelte Spurensuche

Der Mann im Trenchcoat trägt trotz Kälte keine Handschuhe. Jeden Tag fährt er durchs Holztor der Ziegelei in Óbuda, dem dritten Bezirk Budapests. Das Gelände bildet die Sammelstelle für die sogenannten Todesmärsche nach Deutschland, auf denen im November 1944 Zehntausende ungarische Juden zu Tode kommen. Unter den Menschen, die auf engstem Raum in der Ziegelei auf den Abmarsch warten, sind auch der vierzehnjährige Iván Sándor und seine Eltern. Der täglich auftauchende Unbekannte mit dem länglichen Gesicht und der dünnrandigen Brille weckt Iváns Interesse: »Der Diplomat im Trenchcoat […] scheint uns zu beobachten. Als wäre er dankbar, dass wir nicht zu ihm rennen, dass wir ihn nicht um etwas anbetteln. Es wird achtundfünfzig Jahre dauern, bis sich die zwei Blicke treffen. Aber da kann nur noch ich ihn sehen.« Als Sándor im Jahre 2002 zur Ziegelei zurückkehrt, steht er vor einem Baumarkt. Diesmal bildet der Ort den Ausgangspunkt einer bewegenden Nachforschung: »Dem Blick des Vierzehnjährigen folgend fühlte ich, dass ich nur dann die Chance hatte, mich dem Tatort – wie ich es nannte – anzunähern und zu begreifen, was dort geschehen war, wenn es mir gelänge, meinem damaligen Blick zu begegnen.« Dann rekonstruiert Sándor, wie er und die zwölfjährige Vera im Winter 1944/45 durch die Straßen Budapests flohen – und wie der Diplomat Carl Lutz sie rettete.

Kurz nachdem die Märsche am 8. November 1944 begonnen hatten, erhoben der Schweizer Vizekonsul Carl Lutz, der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg und weitere Vertreter der neutralen Länder in Budapest Protest. Mit Unterstützung des Internationalen Roten Kreuzes begleiteten sie die Marschkolonnen. Sie versorgten die Schwächsten mit Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidung und versuchten, mithilfe von Blanko-Schutzbriefen möglichst viele Menschen zu retten. Carl Lutz handelte dabei auf eigenes Risiko: Seine Regierung hatte ihm verboten, gegen die Deportation vorzugehen. Als Leiter der Schutzmachtabteilung an der schweizerischen Gesandtschaft in Budapest hatte Lutz bereits zahlreiche Juden vor dem Arbeitsdienst beschützt, indem er ihnen die Auswanderung nach Palästina ermöglichte. Im Winter 1944 konnten die zwei eigens für die Auswanderungsaktion eröffneten Schweizer Schutzhäuser den Ansturm nicht mehr bewältigen: Tausende von Menschen versuchten, einen der begehrten Schutzbriefe zu ergattern, um den Marschkolonnen zu entgehen. Lutz gelang es, inmitten der belagerten Stadt weitere Schutzhäuser einzurichten – in denen schließlich auch Iván und Vera Zuflucht fanden. Als Lutz kurz nach Kriegsende in die Schweiz zurückkehrte, warf ihm die Regierung vor, seine Kompetenzen überschritten zu haben. Sie rehabilitierte Lutz erst 1958 und ernannte ihn 1961 zum Ehrenkonsul. Vier Jahre später ehrte die Gedenkstätte Yad Vashem ihn und seine Frau Gertrud als ›Gerechte unter den Völkern‹. Bis heute ist Carl Lutz weit weniger bekannt als Raoul Wallenberg – obwohl der sich an Lutz‘ Vorgehensweise orientierte. Die ›Spurensuche‹ zeigt, wie eng Sándors Leben einst mit Carl Lutz verwoben war. Er selbst war sich dessen jahrzehntelang nicht bewusst – doch während Sándor die Vergangenheit neu erkundete, spürte er: »Endgültig verloren geht nur, was schon in Vergessenheit gerät, während es geschieht.«

Tina Rausch

Iván Sándor : Spurensuche

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