Denis Mourlane: Emotional Leading

Ein Selbstversuch

Leerer grauer Holzhintergrund

»Die Kunst, sich und andere richtig zu führen«, gelingt Denis Mourlane zufolge, wenn man die fünf psychologischen Grundbedürfnisse in Balance hält. Wie Gefühle entstehen, was sie uns sagen und wie man sie bei sich und anderen entschlüsselt, erklärt der Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Systemische Berater in seinem praktischen Ratgeber ›Emotional Leading‹.

Zugegeben: Ich bin weder Chefin noch Mitarbeiterin, sondern vereine als Selbstständige beides in einer Person. Vielleicht spricht mich ›Emotional Leading‹ deswegen an. Schließlich ist mich selbst richtig – und erfolgreich! – zu führen, Basis fürs wirtschaftliche Überleben. Wie dies über einen emotionalen Zugang funktionieren soll, interessiert mich. Weiterer Pluspunkt: Denis Mourlane verspricht, »die Komplexität der Themen Selbst- und Mitarbeiterführung um einiges [zu] reduzieren und Ihnen wirkungsvolle Instrumente an die Hand [zu] geben«. Diese finden sich als Fragebögen und Übungen in Teil zwei des Buches. Doch beginnen wir von vorn. Hier nennt der Autor ein Werk, das ihn maßgeblich geprägt hat: In ›Neuropsychotherapie‹ (2004) definierte der Psychotherapieforscher Prof. Dr. Klaus Grawe fünf psychologische Grundbedürfnisse, die, so Mourlane, den Grundstein seines Buches bilden.

Die fünf psychologischen Grundbedürfnisse

»Der Mehrzahl der Menschen ist keineswegs bewusst, was ihre Gefühle und die Gefühle anderer ihnen sagen«, schreibt Denis Mourlane. »Und so ist es mit den Gefühlen wie mit einer Sprache, die wir eigentlich nicht verstehen.« Der Psychologe plädiert dafür, die aufgelisteten Emotionen und ihre Themen auswendig zu lernen wie Vokabeln. So basiert Traurigkeit auf Verlust; Enttäuschung entsteht aus unerfüllten Erwartungen und Stolz, wenn man eine gute Leistung erbracht hat. Klingt einfach – und doch gelingt es mir nicht gleich, Demut oder Scham adäquat zuzuordnen. Dies sei aber notwendig, um meine emotionale Intelligenz und die Fähigkeit, mit Emotionen umzugehen, weiterzuentwickeln.

Denn ob eigene oder fremde – die Mehrzahl der Gefühle, denen wir täglich begegnen, entstünden aus demselben Grund: dem Wunsch der Menschen, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Hier kommen die fünf psychologischen Grundbedürfnisse ins Spiel, die, so Mourlane, »alle Individuen in mehr oder weniger ausgeprägter Form gemeinsam haben«.

Das Bedürfnis nach

• Bindung
• Orientierung und Kontrolle
• Lustgewinn und Unlustvermeidung
• Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
• Kohärenz, Stimmigkeit

»Wann immer Sie eine positive Emotion wie Freude, Glück oder Stolz empfinden, wurde oder wird gerade eines Ihrer psychologischen Grundbedürfnisse befriedigt«, erklärt Denis Mourlane. »Umgekehrt ist es genauso. Verspüren Sie eine negative Emotion wie Ärger, Angst oder Traurigkeit, wurde oder wird eines Ihrer Grundbedürfnisse verletzt.«

Auf dem Weg zum Emotional Leading

Riskant wäre es nun, von sich auf andere zu schließen: Die fünf Grundbedürfnisse sind universell – ihre Ausprägung ist es nicht. In meist unbewusstem Annäherungs- und Vermeidungsverhalten lotet sie jeder für sich aus. Es gehe »nicht darum zu sagen, was richtig und falsch ist«, betont Denis Mourlane. Vielmehr solle sein Modell »eine Orientierung bieten, ein Kompass für Menschen sein, die ihre Stärken, aber auch Entwicklungsfelder entdecken, sich insgesamt ein wenig besser verstehen und auf der Basis dieser Analyse in einen persönlichen Entwicklungsprozess einsteigen möchten«.

Der Weg zum erfolgreichen ›Emotional Leading‹ führe dabei über mehrere Schritte:

1. Die bewusstere Wahrnehmung unserer eigenen und der Emotionen anderer Menschen
2. Das Verständnis dafür, wie Emotionen entstehen und was sie uns sagen
3. Die bewusstere Steuerung unserer eigenen Emotionen
4. Die bewusstere Steuerung der Emotionen anderer Menschen

Selbst- und Fremdeinschätzung der Grundbedürfnisse

Ob man die Fragebögen und Übungen in die Lektüre integriert oder das Buch erst durchliest, bleibt jedem überlassen. Ich will’s gleich wissen! Für den ersten Schritt, sich selbst zu führen, bietet Denis Mourlane drei Möglichkeiten an:

• die Analyse-Tools anwenden
• die Komfortzone erweitern
• akkurat denken = akkurat fühlen

Kreuzchen machen scheint mir am leichtesten, daher beginne ich mit Analyse-Tool 1: Persönliche Bedeutung der Grundbedürfnisse. Es gilt, 30 Personenbeschreibungen auf einer Skala von 1 bis 5 zu beurteilen. Was trifft auch mich zu, was nicht? Der jeweilige Wert lässt mein Verhalten (Annäherung und/oder Vermeidung) bezüglich der fünf Grundbedürfnisse schließen. Spannend wird’s, als ich dieselben Fragen meinem Freund und meiner Schwester zur Fremdeinschätzung vorlege. Dass mein Bedürfnis nach Kohärenz, also Stimmigkeit im Leben groß ist, bejahen wir alle drei. Beim Thema Selbstwert liegen wir auch nah beieinander. Nicht jedoch bei Bindung und Lustgewinn … Für den wichtigsten Schritt, die Interpretation der Ergebnisse, stellt Denis Mourlane vier Reflexionsfragen, die man idealerweise schriftlich beantwortet.

Das Modell der emotionalen Führung

Ich nehme mir noch einen Fragebogen vor. Das Analyse-Tool 6 evaluiert das allgemeine bedürfnisbezogene Verhalten, also Verhaltensweisen, die positiv auf die Grundbedürfnisse wirken. Bei den insgesamt 25 Fragen kann der Gesamtwert zwischen 25 und 125 liegen. »Je höher er ist, desto mehr der vorgestellten Verhaltensweisen zeigen Sie, was sich auch emotional positiv in Ihrem Leben bemerkbar machen sollte«, erklärt Denis Mourlane. Mein Wert liegt bei 102 – damit bin ich hochzufrieden. Im Abschlusskapitel stellt der Autor sein ›Modell der emotionalen Führung‹ vor, bei dem »eine Führungskraft ihr Verhalten konsequent auf die psychologischen Grundbedürfnisse des Mitarbeiters ausrichtet«. Das nehme ich mir vor, wenn ich mal expandieren sollte. Bis es so weit ist, balanciere ich in Ruhe meine eigenen Grundbedürfnisse aus.

Tina Rausch

 

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