Frédéric Lenoir: Was ist ein geglücktes Leben?

Kleine philosophische Anleitung

Der renommierte französische Soziologe Frédéric Lenoir lädt zum philosophisch-spirituellen Spaziergang: Leichtfüßig, kritisch und intelligent durchstreift er die Psychologie und Philosophie sowie verschiedene Weltreligionen und findet Antworten auf die eine große Frage, die uns alle bewegt: ›Was ist ein geglücktes Leben?‹.

Mit 29 Jahren wähnte sich Frédéric Lenoir am Ziel seiner Träume: Er hatte ein Studium der Philosophie und Soziologie absolviert und arbeitete fünf Jahre in einem großen Pariser Verlag, als ihm der Verleger eine unbefristete Stelle als Herausgeber anbot. Kurz vor Vertragsunterzeichnung traf Lenoirs Vater den Verleger und dankte ihm, dass er seinem Sohn trotz dessen »Instabilität« und »emotionalen Labilität« anstellt. Damit war die Sache gelaufen: »Sofort schwenkte der Verleger um und schlug mir vor, alles beim Alten zu belassen, was mich jetzt aber nicht mehr befriedigte.« Später begriff Frédéric Lenoir im Laufe einer Psychoanalyse nicht nur die Beweggründe seines Vaters (eine unbewusste Vater-Sohn-Rivalität), es gelang ihm sogar, dem Misserfolg Positives abzugewinnen. Persönliche Anekdoten und Erfahrungen wie diese machen ›Was ist ein geglücktes Leben?‹ so reizvoll. Hier weiß jemand, wovon er schreibt.

Frédéric Lenoir wächst über sich selbst hinaus

Dass er gerade mal 1,65 Meter maß und ihn seine Freunde bis zu einem Kopf überragten, frustrierte Frédéric Lenoir als Schüler sehr. Heute sieht er in dem Komplex von einst einen unbewussten Anreiz, sich auf anderen Gebieten hervorzutun: »Jede Grenze kann uns stimulieren, andere Qualitäten zu entwickeln, die sonst vielleicht ungenutzt geblieben wären. Wäre Woody Allen ein so fantastischer Filmemacher geworden, wenn er ausgesehen hätte wie Paul Newman?« Vor rund 30 Jahren hat sich der heute 50-jährige Frédéric Lenoir auf seine geistige Reise begeben, vieles ausprobiert und kritisch hinterfragt. So wählte er verschiedene Wege, um zum Kern seiner Persönlichkeit vorzudringen und sich selbst zu erkennen: Neben der Psychoanalyse und einer Gestalttherapie beschäftigte er sich mit buddhistischer und christlicher Spiritualität, den großen Philosophen und Denkern, aber auch mit Literaten wie Proust, Balzac, Stendhal, Flaubert. In ›Was ist ein geglücktes Leben?‹ präsentiert er die Essenz seiner Erkenntnisse und setzt sie in Bezug zu den Anforderungen der »hypermodernen Gesellschaft«, wie er sie nennt.

Was ist ein geglücktes Leben?‹ – eine Frage, viele Antworten

In der unbegrenzten Freiheit und dem Überfluss an Wahlmöglichkeiten sieht der französische Philosoph das große Dilemma vieler junger Menschen von heute: »Sie möchten sich selbst verwirklichen und entfalten – so lautet ja schließlich die Losung der modernen Welt –, gleichzeitig aber wissen sie einfach nicht, was gut für sie ist, wie sie ihren Weg finden, sie die richtigen Entscheidungen treffen sollen.« ›Was ist ein geglücktes Leben?‹ lässt sich da durchaus als sinnstiftende Gebrauchsanweisung lesen: Von ›Das Leben bejahen‹ über Glaube und Vertrauen, Liebe und Freundschaft, Krisen und Tod bis hin zu Humor und Schönheit – in 20 Kapiteln verhandelt Frédéric Lenoir die Themen, die uns, unser Leben und Glück ausmachen. Da er dabei weder belehrend noch missionarisch wirkt, sondern vielmehr reflektiert, (selbst-)kritisch und humorvoll, lässt man sich gerne ein auf diesen erfüllenden philosophisch-spirituellen Spaziergang. Und kommt nach 200 Seiten kaum umhin, Frédéric Lenoir und Montaigne aus vollem Herzen beizupflichten: »Was mich jedoch betrifft, ich liebe das Leben.«

Tina Rausch, freie Journalistin

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