Werden Sie zum Gehirnflüsterer – Teil I

Kevin Dutton

Inspiriert von eigenen Erfahrungen erforscht der englische Psychologe Kevin Dutton die geheime Kunst der Manipulation.

Als Kevin Dutton vor einigen Jahren an einer Konferenz in San Francisco teilnahm, hatte er Pech mit dem Hotel. Es lag in einer Gegend, »in der sich sogar Serienmörder nur paarweise auf die Straße trauten«, erinnert er sich in seinem Buch ›Gehirnflüsterer‹. Der Weg zur U-Bahn-Station war morgens und abends von den gleichen dunklen Gestalten gesäumt: Vietnamveteranen, Prostituierte, Säufer, Gestrandete und Obdachlose, die um Almosen bettelten. Anfangs ließ sich Dutton von Sprüchen wie »Hungrig und obdachlos« oder »Noch sechs Wochen zu leben« erweichen und kramte einige Münzen zusammen. Doch mit der Zeit entwickelte er eine Immunisierung gegen das Elend und lief an diesen Menschen einfach vorbei. An einem seiner letzten Abende passierte er einen Bettler, der ihm bislang nicht aufgefallen war. Dutton hatte dessen zerknitterten Spendenaufruf kaum entziffert, da durchsuchte er schon seine Taschen, »um etwas Substanzielleres herauszuholen als ein paar Cent. Fünf Worte hatten mich dazu gebracht: ›Warum lügen? Ich will Bier.‹ Ich hatte das Gefühl, dass ich gewissermaßen legal abgezockt wurde.«

 

Kevin Dutton und die sekundenschnelle Überzeugung

Sein Erlebnis in den Straßen von San Francisco brachte Dutton ins Grübeln. Wenige Wörter hatten ihn dazu verleitet, das Geld so schnell aus der Tasche zu ziehen, »als hätte mir der Mann eine Pistole vorgehalten. Was hatte die inneren Sicherheitssysteme, die ich seit meiner Ankunft installiert hatte, so gründlich und offensichtlich ausschalten können?«. Plötzlich fielen ihm weitere Situationen ein, in denen ihn jemand in Sekundenschnelle dazu gebracht hatte, sich anders zu verhalten als geplant. Sie alle schienen auf einem ähnlichen Effekt zu beruhen: »An solchen Ereignissen, so wurde mir allmählich klar, zeigte sich etwas Zeitloses, ein Mechanismus, der sich von normalen Formen der Verständigung grundsätzlich unterscheidet. Solche Umschwünge haben etwas Umwerfendes, Transzendentales, ja fast etwas Außerirdisches an sich.«

 

Auf der Suche nach dem Elixier der Beeinflussung

Und so beginnt Kevin Dutton zu erforschen, wie man Menschen in einen anderen Zustand versetzt. Er prägt dafür den Begriff »Flipnosis«, das heißt, andere »quasi zu hypnotisieren und ausflippen zu lassen, sie um ihren Verstand zu bringen«, schreibt er in Gehirnflüsterer‹. Er befragt Leute, die den »schwarzen Gürtel der Beeinflussung« tragen, nach ihrer Motivation und entdeckt den »definitiv wirksamen Beeinflussungscocktail«. Besonders wichtig ist dem Psychologen dabei, dass sekundenschnelle Überzeugung auf keinerlei Hokuspokus oder übernatürlichen Kräften beruht: »Die angeborene Fähigkeit dazu haben wir. Aber anders als unsere Brüder und Schwestern im Tierreich beherrschen wir diese Kunst nicht mehr automatisch.«

Tina Rausch, freie Journalistin

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