Glück, Mut und Chuzpe

Ob er oft an den Holocaust denkt? »Nicht oft«, sagt Anatol Chari. »Ständig.« 1923 als Sohn eines einflussreichen jüdischen Gemeinderats in Lódź geboren, überstand er die ersten Kriegsjahre in der Getto-Polizei. Die Mitglieder des sogenannten Sonderkommandos beaufsichtigten die Nahrungsmittelverteilung an die Getto-Bewohner und genossen zahlreiche Privilegien. 1944 wurde Anatol Chari nach Auschwitz deportiert, von dort weiter in andere Arbeits- und Konzentrationslager wie Bergen-Belsen, Groß-Rosen und Kaltwasser. Dass er, Häftling Nummer 17 596, all das überlebt hat, nennt Anatol Chari ein »gewöhnliches Wunder« und verweist auf seine Großeltern, die mit über 60 bzw. 70 Jahren als älteste jüdische Überlebende von Auschwitz gelten.

Viele Jahrzehnte später analysierte Anatol Chari zusammen mit dem Historiker Timothy Braatz, welche Bedingungen, Umstände und Zufälle seine Rettung begünstigten – und ist sich der Subjektivität seines Erinnerungsbuchs ›Undermensch‹ durchaus bewusst. »Das sind meine Erfahrungen«, sagt er. »Andere haben möglicherweise anderes erlebt, aber bei mir war es eben so.«

Dass ein ehemaliger Getto-Polizist freimütig Auskunft gibt, ist ungewöhnlich. Schließlich beruhte seine privilegierte Position vornehmlich auf Glück, das nicht selten auf Kosten anderer ging. »Die meisten Mitglieder des Sonderkommandos, die den Krieg überlebt haben, geben nicht zu, dass sie der Gettopolizei angehörten«, schreibt Anatol Chari. »Wir hatten es so viel besser als die meisten anderen im Getto, dass es schwerfällt, sich nicht schuldig zu fühlen.« Anatol Chari ist auf die genaue, vorbehaltlose Beschreibung seiner Gefühle bedacht. Manches irritiert den Leser – zum Beispiel, dass Fotos der Leichenberge von Auschwitz Anatol Chari heute emotional kaum berühren. »Das war damals eben mein Alltag«, meint er. »Wenn ich hingegen etwas über heutige Grausamkeiten lese, beschäftigt mich dies viel mehr, denn ich habe eine ungefähre Vorstellung von dem, was die Betroffenen durchmachen.« Und so beginnt man langsam zu begreifen, wie tief die Jugenderlebnisse den heute 86-Jährigen prägten. Dass er sich als »Sonder« regelmäßig Essen abzweigte, belastet ihn nicht – anders hätte er nicht überlebt. Dass er Freunden kleine Bitten, die ihr Leiden gelindert hätten, aus Bequemlichkeit abschlug, kann er sich hingegen nicht verzeihen.

Regelrechte Todesangst verspürte Anatol Chari indes jahrelang auf Reisen. Da ihn jede Zug- oder auch Busreise an den schrecklichen Transport nach Auschwitz erinnerte, hoffte er lange Zeit, immer weiterfahren zu dürfen: »Ich wollte nicht aus dem Bus aussteigen. Heute bin ich darüber hinweg – über die Angst, an einem Ort anzukommen, egal an welchem, doch es hat Jahre gedauert.«

Erstaunlich ist, dass er bei alledem nie Hass auf die Deutschen oder gar ein Bedürfnis nach Rache verspürte. Anatol Chari selbst vermutet, er habe in der Schule gefehlt, als Hass behandelt wurde. Die Gründe für sein Überleben seien Glück, Unterstützung und Köpfchen. Nicht zu vergessen seine Fähigkeit, sich in kürzester Zeit auf neue Situationen einzustellen. So hatte Chari nach Kriegsende keinerlei Hemmungen, als Displaced Person von den Deutschen etwas einzufordern. »Ich fürchtete mich nicht mehr vor ihnen und war dabei, […] mir eine neue Haltung zuzulegen: Ich habe überlebt, ihr könnt mich also alle mal!«

Tina Rausch

Anatol Chari: "Undermensch"

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