Graham Greene: Die Reisen mit meiner Tante

Bei der Wahl meiner Bücher greife ich bevorzugt zu Büchern aus dem Krimi-Genre, doch als ich ›Die Reisen mit meiner Tante‹ von Graham Greene in den Händen hielt, wurde ich neugierig. Eine Geschichte über einen pensionierten Bankbeamten und eine alte, verrückte Tante? Warum nicht. Nach ein paar Seiten, hatte ich bereits dieses gewisse Grinsen im Gesicht, das Graham Greenes Schreibstil einem auf die Lippen zaubert.
Die Reisen mit meiner Tante‹ – mein persönlicher Geheimtipp!

Henry Pulling, grundsolider pensionierter Bankbeamte, der nur Leidenschaft für seine Dahlien und dem wöchentlichen Bridge im Club der Konservativen hegt, führt ein geregeltes Leben. Am Begräbnis seiner Mutter trifft er auf seine 75-jährige, temperamentvolle Tante Augusta. Diese ist das genaue Gegenteil von Henry: Als Schauspielerin hat sie viele Reisen in alle Länder der Welt unternommen, dabei Liebhaber auf der ganzen Erde gesammelt und das ein oder anderer krumme Geschäft abgewickelt. Als sich in der Urne von Henrys Mutter plötzlich nicht mehr Asche sondern Haschisch befindet, ist dies nur ein bizarrer Vorgeschmack einer Reihe von skurrilen Erlebnissen, die Henrys Leben gewaltig auf den Kopf stellen. Denn nachdem sich Tante Augustas derzeitiger Liebhaber Wordsworth nach Paris abgesetzt hat, braucht sie einen neuen Reisebegleiter. Wer wäre da besser geeignet als ihr Neffe Henry?
 

Nach der ersten Station, Brighton, geht es mit dem Orientexpress weiter nach Istanbul. Von Station zu Station nimmt Henrys Leben mehr an Fahrt auf. Tante Augusta versorgt ihn mit Geschichten über geheimnisvolle Liebhaber, zerstückelte Striptease-Tänzerinnen und ihre Vorliebe für dubiose Devisengeschäfte und Goldschmuggel. Schnell erkennt Henry, dass seine Tante nicht nur eine brilliante Geschichtenerzählerin ist, sondern dass sie diese auch wirklich erlebt hat (spätestens dann, als die Personen lebend vor ihm stehen). Zwischen Schock und Staunen lässt er sich mehr und mehr auf das turbulente Leben seiner Tante ein. Er lernt das Hippiemädchen Tooley kennen, raucht gemeinsam mit ihr seinen ersten Joint und wird am Nationalfeiertag in Colorado verhaftet als er sich mit der Colorado-Fahne die Nase putzt.
 
»Zum ersten Mal begriff ich, welche Gefahren mich erwarteten. Ich fühlte mich, als ziehe sie mich hinter sich her auf eine absurde Abenteuerfahrt, wie Sancho Pansa auf den Fersen Don Quijotes, aber im Dienste des Spaßes, wie sie es nannte, statt des Rittertums.«

 
Als Leser schließt man die lebenslustige, skrupellose Tante Augusta schnell ins Herz und auch Henry merkt nach und nach, dass sein Leben ohne die alte Dame ganz schön einsam war. Die beiden finden auf ihrer Reise was sie bereits verloren geglaubt haben, wenn auch auf ganz unterschiedliche, stille Weise.

Die Reisen mit meiner Tante‹ ist ein schwarzhumoriger und kurzweiliger Roman, den selbst eingefleischte Krimiliebhaber liebgewinnen. Also nichts wie los! Gehen auch Sie auf Reisen mit Tante Augusta. Sie werden es, wie ich, nicht bereuen. 

Eine Empfehlung von Annika Wagner, Auszubildene

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