Ina aus China

In ihrem Roman ‚Ina aus China’ erzählte Susanne Hornfeck die wahre Geschichte der Chinesin Yinna Chen, die ihre Kindheit in der Mark Brandenburg verbrachte. Heute ist die ›wirkliche Ina‹ 80 Jahre alt und dem Roman, der ihr Leben abbildet, ist passiert, was einem Roman in deutscher Sprache nur selten passiert: Verlage in China und Taiwan interessierten sich für Inas Geschichte und erwarben die Rechte für ihren jeweiligen Sprachraum. Von der Reise einer Geschichte um die Welt …

 

Susanne Hornfeck ist Germanistin und Sinologin, Autorin von Sachbüchern und Übersetzerin. Fünf Jahre lebte und lehrte sie in Taipeh, heute lebt sie mit ihrem Mann, dem Grafiker Günter Hornfeck, in der Nähe von München. In ihrem ersten Roman ›Ina aus China‹ hat sie die Geschichte der heute achtzigjährigen Chinesin Chen Yinna aufgeschrieben, die als Siebenjährige 1937 aus dem von den Japanern besetzten Shanghai nach Deutschland kam und ihre neue Heimat, Brandenburg, nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wieder verlassen musste. Nach einer ungeliebten Zwischenstation im Schweizer Exil fand sich Yinna Chen 1955 auf Taiwan unter ihren Landsleuten wieder und fühlte sich doch fremder als je zuvor. »An Ina konnte ich beides zeigen«, so Autorin Susanne Hornfeck, »die Fremdheit im fremden Land und später die Fremdheit unter den eigenen Landsleuten.«

»Der eigentliche Kulturschock hat mich erst nach meiner Rückkehr erfasst«: Eine doppelte Erfahrung von Fremdheit

Diese doppelte Erfahrung von Fremdheit ist es, die die Autorin faszinierte. Ihren ersten China-Aufenthalt hat Susanne Hornfeck, die nach dem Studium für den Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) als Dozentin für Deutsche Sprache und Literatur an die Nationale Universität Taiwan ging, noch heute in lebendiger Erinnerung: »Interesse, Neugier, Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit‚ Gastfreundschaft beeindruckten mich, einfach die Offenheit, mit der einem die Menschen entgegenkommen, besonders dann, wenn man ihre Sprache spricht. Und dann die ungeheure Energie und Dynamik, die dort herrscht.« Natürlich könne das für europäische »Langnasen« auch verstörend sein, nämlich dann, wenn einem zu viel Interesse, zu viel Neugier zu viel Fürsorglichkeit entgegengebracht würden und kein Freiraum, keine Privatsphäre mehr bleibe: »Es gibt da das chinesische Adjektiv ›renao‹ – wörtlich übersetzt ›heiß und laut‹. Wir Langnasen verbinden mit dieser Kombination nicht immer ein angenehmes Gefühl. Aber einen Kulturschock hat es nicht gegeben. Man stürzt sich ja mit großer Begeisterung in ein solches Unternehmen, zumal wenn man sich vorher so lange Zeit mit der Sprache und Kultur des Landes befasst hat.«

Der eigentliche Kulturschock hat Susanne Hornfeck erst nach der Rückkehr nach Deutschland erfasst. »Da sieht man seine Landsleute aus kritischer Distanz, und dabei schneiden sie nicht immer gut ab.« So ähnlich könnte es Chen Yinna, dem Mädchen, dass 1937 als Siebenjährige nach Deutschland kam und dessen bewegte Kindheit Susanne Hornfeck die Vorlage für ihren Debütroman lieferte, auch gegangen sein. Die ›wirkliche‹ Ina lernte Susanne Hornfeck in den neunziger Jahren während ihres Lehraufenthaltes kennen. »Die Ungeheuerlichkeit dieses Lebenswegs und seine erzählerischen Möglichkeiten sind mir erst so richtig klargeworden, nachdem ich meine eigene – im Vergleich dazu geregelte – Fremdheitserfahrung verdaut hatte. Ich hatte ja selbst miterlebt, wo es Irritationen zwischen diesen beiden Kulturen gibt.«

So richtig angebissen hatte Hornfeck, als Chen Yinna ihr erzählte, dass sie in dem Schweizer Internat, in das sie nach den acht Jahren in Brandenburg kam, den Spitznamen »die Preussin« hatte: »Das muss man sich vorstellen: eine chinesische Preussin! Dass subtile Unterschiede in Sprache und Verhalten so viel deutlichere Fremdheitssignale sein können als das offensichtlich andere Aussehen, das hat mich sehr beeindruckt.«

Der Funke hatte gezündet und Susanne Hornfeck begann, Gespräche mit Chen Yinna aufzuzeichnen und sich an einen Bauplan für ihren Roman zu machen. Bis die deutsche Ausgabe 2007 in der dtv Reihe Hanser erschien, sollten viele vergehen, in denen sich Susanne Hornfeck immer wieder, aber nicht durchgehend, ihrem literarischen Debüt als Autorin widmete. Das Buch erschien und begeisterte in Deutschland Leserinnen und Leser aller Altersstufen ebenso wie seine Rezensentinnen und Rezensenten. Und dann passierte, was einem Buch in deutscher Sprache nur selten passiert: Verlage in China und Taiwan interessierten sich für Inas Geschichte und erwarben die Rechte für ihren jeweiligen Sprachraum.

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Neue Horizonte

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