»it’s war, baby, it’s war«

Auf der Suche nach sich selbst

»Marija, dein Vater sucht dich!«

Was würde man denken, wenn man in der Annonce eine solche Suchanzeige findet, und einem klar wird, dass die gesuchte Person man selbst ist?
Was würde man fühlen, wenn man den Vater seit über 45 Jahren für tot geglaubt hat und nun mit der umso härteren Realität konfrontiert wird?
Würde man sich freuen?

Marija ist mittlerweile fünfzig und lebt ihr Leben einfach so dahin. Mit ihrem Mann, mit dem sie in Wien wohnt, hat sie sich schon seit Jahren auseinander gelebt und auch zu ihrer Tochter, die mit ihrer Lebensgefährtin in Philadelphia lebt, hat sie nicht den besten Draht.
Irgendetwas fehlt ihr im Leben und sie spürt, wie die Leere in ihr immer größer und unerträglicher wird. Im Unterbewusstsein fühlt sie, dass da noch etwas ist und tief in ihrem Inneren weiß sie, dass sie sich auf die Suche danach begeben muss.

Ihre Suche führt sie zurück nach Zagreb, in ihr Vaterland, das damalige Jugoslawien, in dem ein weiterer Krieg kurz vor dem Ausbruch steht.
Dort lebt sie in den Tag hinein, weit weg von ihrem Leben, ihren Gewohnheiten, ihrem Mann. Sie lässt sich auf einen jungen Soldaten ein, fühlt sich wohl und nimmt ihre Umgebung dennoch nicht wahr.
Bis sie auf die Annonce in der Zeitung stößt und die Suche nach ihrem Ich beginnt.
Parallel dazu befindet sich ihr totgeglaubter Vater, der nur als »Der Alte« bezeichnet wird, ebenfalls auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens. Als mentale Unterstützung begleitet ihn der junge Polizist Ludwig. Auch ihn führt seine Reise zurück nach Zagreb. Sein Vorwand ist, den Krieg, der nie zu Ende geführt wurde, in seinem hohen Alter nun zu beenden. Doch als er in einem Zeitungsartikel auf seine Tochter stößt, ist er ungewohnt unsicher und verliert sich immer mehr in den Erinnerungen seiner Vergangenheit, die ihm noch zum Verhängnis wird.

»Es waren Bilder eines fortschreitenden Niedergangs, und wenn Ludwig da schon manchmal an der Zurechnungsfähigkeit des Alten gezweifelt hatte, mußte er sich jetzt sagen, er hatte ihn in seiner Verrücktheit allemal unterschätzt. Denn als er ihm die Tür öffnete, schlug ihm das Gejammer eines Tangos entgegen, und noch bevor er sah, daß der Inhalt der beiden schwarzen Mappen wüst über den Boden verteilt war, Zeitungsausschnitte und andere Papieren in einem wilden Durcheinander, manche von ihnen offensichtlich zerrissen, fiel sein Blick auf das Grammophon, das neben einer leeren Flasche Champagner und zwei Gläsern auf dem Tisch in der Verhörzelle stand. […], so ungefähr das letzte, was er erwartet hätte. […] Er atmete schwer, ohne daß ersichtlich gewesen wäre, ob vor Aufregung oder weil er sich angestrengt hatte, und schien unschlüssig zu sein, einerseits verstellte er Ludwig die Sicht, andererseits deutete er mit seiner freien Hand auf den Eingang zum Schlafzimmer, wo das Mädchen stand, seinen Blick auf den Boden geheftet und wie mitten in einer Bewegung erstarrt.«

Norbert Gstrein: Die Winter im Süden

Die Winter im Süden‹ von Norbert Gstrein erzählen über den Verlust seiner selbst, über die Frage nach dem Sinn des Lebens, über den fließenden Übergang von Realität und Einbildung. Ein rührender und zugleich erschreckender Roman, der einem sein eigenes Leben hinterfragen lässt.

 

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