John Williams: Stoner

So kam der Roman nach Deutschland und zum dtv

 John Williams: Stoner

Nach einer Flasche Wein und nachdem wir uns während eines ersten gemeinsamen Abendessens in London ein bisschen kennengelernt hatten, fragte ich unseren neuen Autor David Abbott (›Die späte Ernte des Henry Cage‹) – ob es ein Buch gebe, von dem er finde, dass wir es unbedingt veröffentlichen müssten. ›Stoner‹ gab Abbott ohne zu zögern zurück. ›Stoner‹. Und nochmal ›Stoner‹. Er wollte gerade beginnen, mir zu erklären, was für ein Buch das sei. »Wir haben letzte Woche den Vertrag unterzeichnet«, unterbrach ich ihn. Ach, was für eine glückliche Fügung.

»Eine glückliche Entdeckung« nannte Rüdiger Safranski im ›Literaturclub‹ des Schweizer Fernsehens die Veröffentlichung dieses Ausnahmeromans (ab Minute 42:20). Und tatsächlich – es könnte sein, dass diese Entdeckung zu den glücklichsten meines Lebens als Literaturlektorin zählt.

Bis zu seiner Wiederentdeckung 2006 in den USA war ›Stoner‹ einer der großen vergessenen Romane der Weltliteratur. Nur wenige Literaturliebhaber und Schriftsteller wiesen immer wieder auf den außerordentlichen Rang dieses Werks hin, erwarben noch übrige Exemplare antiquarisch, verschenkten sie im Dutzend, wie der Dichter E. E. Cummings.

Stoner‹ fiel mir vor einigen Jahren durch Edwin Frank, Chef-Lektor der New York Books Classics, in die Hände, ich begann auf dem Rückflug von New York zu lesen, ein trockener Bericht, so schien es erst, über ein ereignisarmes Leben.

Ein armer Farmerssohn, der die Liebe zur Literatur entdeckt und schließlich Professor wird. Wer wird das lesen? Sehr bald aber begann der Sog. Das Hineingezogensein in eine zutiefst wahrhaftige Geschichte, die berührende Beschreibung eines Mannes, der uns ein Vermächtnis hinterlässt:
Er war er selbst, und er wusste, was er gewesen war.
Vielleicht ist das, in einer Zeit, da Erfolg so ungeheuer hoch bewertet wird, die Botschaft, nach der wir uns insgeheim sehnen: Lebe so, dass du dich immer daran erinnern magst, wer du bist und wer du gewesen bist. Es ist die Geschichte eines würdig gelebten Lebens.

John Williams»Ich finde, er ist ein wahrer Held«, sagte John Williams in einem der seltenen Interviews, die er gab.

»Viele Leser des Romans meinen, Stoner hätte ein trauriges und schlechtes Leben gehabt. Ich glaube aber, er hatte ein sehr gutes Leben. Jedenfalls hatte er ein besseres Leben als die meisten Menschen. Was er tat, tat er gern, und er besaß ein Gespür dafür, dass das, was er tat, wichtig war. Er war ein Garant für die Werte, die wirklich zählen.«

 

Zurück am Verlagsschreibtisch, war ich überzeugt: dieses Buch müssen wir machen. Ein Buch von solchem Gewicht kommt ganz selten. Wir kaufen es. – Die Wiederentdeckung hatte zu diesem Zeitpunkt in den USA eine gewisse Beachtung gefunden, von einem Welterfolg konnte noch keine Rede sein, der kam erst später – als ich darauf wartete, dass Bernhard Robben, der großartige Übersetzer von Ian McEwan, Zeit haben würde, den Roman zu übersetzen …

Patricia Reimann, Cheflektorin dtv Literatur-Lektorat

John Williams
Stoner

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