Julie Mebes: Der Himmel neben dem Louvre

Julie Mebes erzählt von ihrem Paris

IMG_1489

In ihrem neuen Buch ›Der Himmel neben dem Louvre‹ zeigt uns Julie Mebes in 38 kurzen Kapiteln ihr ganz persönliches Paris. Sie nimmt uns mit in ihren Teesalon, führt uns durch kleine Straßen und über große Boulevards, wundert sich über zahme Ziegen in den Tuilerien und deutsche Foto-Touristen im Louvre. Nun hat sie uns ein paar Fotos, Musik und eine Geschichte geschickt, die uns eintauchen lassen in den Pariser Frühsommer.

SUIS LÀ

Ich bin da. Wieder da. Vor neun Monaten habe ich all meine Sachen in ein Möbellager getan und Paris verlassen, um die Renovierung der neuen Wohnung abzuwarten, in die ich ziehen werde, gleich um die Ecke. Neun Monate war ich im Exil. Jetzt sind die Arbeiten fast fertig, das hoffe ich jedenfalls, und ich bin wieder da. Im alten Haus: ich habe Unterschlupf gefunden bei einer Nachbarin im sechsten Stock, wo ich einst, so lange scheint es mir her, im vierten wohnte.

IMG_1491
Jetzt bin ich bei einer Nachbarin im dritten Stock zum Tee eingeladen.
Wir sitzen in ihrem Wohnzimmer, das gleichzeitig Küche und Schlafzimmer ist. Ich sitze auf dem einzigen Stuhl. Von hinten stößt ihr Bett an mich. In dem Bett liegt ihr siebzehnjähriger Sohn und schläft. Es ist ein deux-pièces, eine Zweizimmerwohnung, und sein Zimmer ist nebenan, aber die Nachbarin will es mir nicht zeigen. Schwarze Tapete mit roten Fischen, sagt sie, wie soll dem Jungen das gefallen? Und einen Schrank für seine Schulsachen und Computerspiele muss sie ihm, über ein Jahr nach dem Einzug, auch noch kaufen. Wir reden nicht mal leise, aber der Junge hört uns nicht und schläft, an die Enge gewöhnt. Meine Nachbarin sitzt auf einem der beiden niedrigen Hocker, die es neben meinem Stuhl gibt. Auf ihrem steht ein Werkzeugkasten, sie hat sich draufgesetzt, denn so stimmt die Höhe.
»Den lasse ich hier stehen«, sagt sie. »Der kommt später erst weg, ich vergesse ihn sonst.« Das ›später‹ wird nie kommen, es gibt keinen anderen Platz für den Kasten, das ist klar. Sie hat die Küchenanrichte im Rücken und das muss wehtun, aber sie lässt es sich nicht anmerken.

IMG_1474

Die Wohnung macht mir Mut. Auch ich ziehe wieder kleiner. Galt es in meinen Dienstwohnungen die Möbel soweit wie irgend möglich auseinanderzustellen – ich habe das stets mit ›italienischem Minimalismus‹ gerechtfertigt, denn es sollte ja immer ›repräsentativ‹ bleiben-, seit ich den Dienst quittiert habe und privat umziehe, verkaufe und verschenke ich nur noch, die Sachen müssen weg.

In den Tuilerien blühen die Kastanien, es ist Frühling in Paris und schon ganz warm.

»Ich mache das Fenster auf«, sagt die Nachbarin und öffnet es, aber nur einen Spalt, denn vor dem Fenster steht der Käfig mit ihrem Meerschweinchen. Riesig wirkt er, in dem kleinen Raum. Wie aus Scham über die Überdimension seines Käfigs macht das Meerschweinchen sich in einer Ecke ganz klein, als wolle es uns sagen: »Das reicht mir völlig. Ihr könnt den restlichen Platz haben.«

Ich bin wieder da.

 

Julie Mebes
Der Himmel neben dem Louvre
Julie Mebes
Der Himmel neben dem Louvre

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.