Kevin Brooks: Live Fast, Play Dirty, Get Naked

Eine Zeitreise in die Londoner Punkszene der Siebzigerjahre

Dass Kevin Brooks` neuer Roman nichts für eine beschauliche Lektüre vor dem Kamin ist, sieht man sofort. Schon das Cover explodiert, grelle Farben, ein Gitarrist holt aus, um sein Instrument unbarmherzig auf die Bühne zu knallen. Dazu der Titel: Live Fast, Play Dirty, Get Naked! Leb schnell, spiel dreckig, mach dich nackig?

Cover Kevin BrooksNaja, fast: Naked ist der Name der Band, die im Roman mitten in die Anfänge der Londoner Punkbewegung im Jahr 1976 platzt. Kevin Brooks schildert diese Zeit in all ihren Facetten. Schnell und dreckig – das trifft es. Den ungebändigten Enthusiasmus der Zeit erlebt man beim Lesen genauso wie ihre zerstörerische Aggression.

Da könnte man schnell außer Atem kommen, aber Brooks` Protagonistin, Lili, hält den Roman auf dem Boden. Mit reflektiertem Blick führt sie durch den Irrsinn, immer ein bisschen auf Distanz. Sie ist siebzehn und die Bassistin von Naked. Noch zu Beginn der Geschichte sieht man Lili an einem Bechstein-Klavier sitzen und ihren Lieblingskomponisten, Debussy, interpretieren – in einem rosa Kleid. Mehr durch Zufall gerät sie in die Punkszene und erlebt dort den Sommer ihres Lebens. Sie ist live dabei, als die Sex Pistols sich in einem Klamottenladen formieren und als die Ramones ihr erstes Konzert im Londoner Roundhouse geben. Sie trifft auf Vivienne Westwood, Johnny Rotten und Malcom McLaren und spielt neben The Clash auf dem 100 Club Punk Festival.

Das Tolle daran: Nach einigen Recherchen ist man sich sicher, dass all diese Ereignisse wirklich so stattgefunden haben. Kevin Brooks lässt Lili und ihre Band an den realen, inzwischen legendären Momenten von damals teilnehmen, er schreibt Naked einfach in die Musikgeschichtsbücher. Und man merkt, er weiß wovon er spricht: 1976 war Kevin Brooks selbst gerade siebzehn Jahre alt und seine Leidenschaft galt ganz der Musik. Als Gitarrist in einer Punkband erlebte er die frühen Jahre der neuen Bewegung.

London war neben New York das unbestrittene Zentrum des noch jungen Punk: Die Sex Pistols, The Clash, die Buzzcocks und viele andere Bands starteten hier ihre Karrieren, wilde Partys wurden gefeiert, Häuser besetzt und erste Plattenverträge geschlossen. Kevin Brooks gibt eine mitreißende Lehrstunde über dieses junge Kapitel der Musikgeschichte, über die musikalischen Ambitionen, die Symbole und das Lebensgefühl – der Roman ist eine wahre Fundgrube für Musikinteressierte.

Aus dem musikalischen Höhenflug, den man im Roman miterleben kann, stürzt man aber auch immer wieder in eine verstörende Realität. Drogen und Gewalt nehmen der musikalischen Euphorie oft den Zauber. Lilis Mutter gerät immer tiefer in den Strudel einer psychischen Erkrankung. Und der neue Gitarrist der Band,  in den sich Lili schwer verliebt, hat eine dunkle Vergangenheit, die in direktem Zusammenhang mit den Machenschaften der IRA steht. In die unpolitische Welt des Punk bricht damit unversehens die Brutalität des Nordirlandkonflikts ein. So sehr man beim Lesen ins Schwärmen geraten kann, so sehr erschüttert der Roman auch.

Live Fast, Play Dirty, Get Naked ist in erster Linie ein Jugendbuch – und es schafft es als solches, die Ambivalenzen des Sturm-und-Drang-Gefühls aufzugreifen, ohne sie einfach mit der Moralkeule niederzuprügeln. Stattdessen zeigt es durch seine beeindruckende Hauptfigur, wie man sich selbstbestimmt durchs Leben boxt. Aber auch als Erwachsener liest man die Geschichte mit Gewinn: Brooks schreibt spannend, einfühlsam und lebensklug. Es ist, als würde man mit ihm durch einen gut sortierten Plattenladen ziehen und völlig die Zeit vergessen, während man stundenlang stöbert und gebannt seinen Geschichten lauscht …

Veronika Pfleger, dtv Internet-Redaktion

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