Kopfzahl-Paranoia

Ein Blick hinter die Konzernfassaden

Katharina Weinberger: Kopfzahl-Paranoia

Der Abbau in den Konzernen hat lange vor der Finanzkrise begonnen. Mitarbeiter wurden als besonders hinterhältiger Kostenfaktor enttarnt und aktienkurssteigernd »freigesetzt«. Was immer der Grund für schlechte Geschäftszahlen war, mit ambitionierten Kostensenkungsplänen konnten die verantwortlichen Manager am einfachsten ihren Kopf retten. Den großen Abbau besorgte ein beispielloser Fusions- und Übernahmefuror. Er schlug breite Schneisen der Zerstörung in die Unternehmenslandschaft und lässt immer mehr Arbeitnehmer, Lieferanten und Kunden ohne Wahl zurück.

Gierig zu sein und auf kurze Sicht zu fahren sind keineswegs Privilegien der Banker. Auch in den börsennotierten Konzernen hat man seit Jahr und Tag nur einen Zeithorizont von drei Monaten mit Blick auf das Allerheiligste, das Quartalsergebnis. So wurden systematisch wichtige Investitionen in die Zukunft gekillt oder die Kostenmesser noch tiefer in die Konzern-Muskeln getrieben, um die Profit-Erwartungen der Marktanalysten nicht zu enttäuschen. Was das für die Kunden und das Personal bedeutete, war egal. Die Lieferanten hatten sich zu fügen. Was immer der Grund für eine Absatzkrise war, die verantwortlichen Manager konnten ihren Kopf retten, wenn sie ambitionierte Kostensenkungspläne präsentierten. Mit erstaunlicher Konsequenz manövrierten die Konzernbosse ihre Unternehmen – und in der Folge Wirtschaft und Gesellschaft – kurzsichtig, eigennützig und zwangsläufig in die Sackgasse.

»Dass die Vernichtung von Hundertausenden lukrativer Konzernjobs und das Wuchern billiger prekärer Arbeitsverhältnisse nicht ohne Folgen für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage blieb, konnte keine Überraschung sein. Nur unsere Konzernchefs rechneten offenbar mit der unendlichen Konsumfreude und Leidensfähigkeit der Arbeitnehmer, deren Einkommen sich – dank der Sparpolitik gegenüber Mitarbeitern – seit Jahren bekanntermaßen gegenläufig zu jenem der Bosse und der Profite der Konzerne entwickelte.
Konsequent haben die Konzerne mit ihrer ›Kopfzahl-Paranoia‹ und ihrem Raubbau jahrelang das Fundament ihrer eigenen Zukunft und des allgemeinen Wohlstands untergraben. Die unterwürfige Rolle der Politiker in diesem Zerstörungsspiel habe ich nie verstanden. Sie kamen ihrer Aufgabe, die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft vorzugeben, in den letzten Jahren nicht mehr nach.« Katharina Weinberger

Katharina Weinberger studierte Betriebswirtschaft und arbeitete danach für Konzerne mittlerer Größe. Im Zuge einer Fusion kam sie ins mittlere Management eines großen internationalen Konzerns. Gewohnt, mit einem kleinen Team kundennah und schnell zu arbeiten, erlebte sie einen Kulturschock.

Es dauerte eine Weile, bis sie die neuen Spielregeln durchschaute. Aufmerksam beobachtete sie die Folgen der katastrophalen Konzernpolitik. Im Rahmen einer der unzähligen Konzern-Restrukturierungen erhielt schließlich auch sie den Abschiedsgruß und hatte danach Freiraum, ihre Beobachtungen zu ordnen und aufzuzeigen, wie die Konzerne selbst nachhaltig die Basis für die Krise legten.

Ihre Erfahrungen bringt sie in Ihrem Buch ›Kopfzahl-Paranoia‹ auf den Punkt, denn nach ihrer Einschätzung ist die Finanzkrise nur die Spitze des Eisbergs.

»Mit der Finanzkrise sind die kurze Sicht und die Gier der Manager in das Rampenlicht geraten.«

Katharina Weinberger

Hier geht’s zur Leseprobe von ›Kopfzahl-Paranoia‹

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