Kristín Steinsdóttir: Eigene Wege

Frankfurter Buchmesse 2011 - Gastland Island

›Sagenhaftes Island‹ lautet der Slogan der Frankfurter Buchmesse 2011 und seinem Ehrengast Island. Auf der kleinen Vulkaninsel hat sich eine bunte Literaturszene entwickelt. Eine Perle isländischer Literatur ist der kleine aber feine Roman ›Eigene Wege‹ von Kristín Steinsdóttir.

Im Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzählt Kristín Steinsdóttir von der Geschichte und den unerfüllten Träumen ihrer bescheidenen und scheuen Heldin Siegtrud.

Siegtrud wächst ohne Eltern im Norden Islands bei ihrer Ziehmutter Hallfridur auf einem Bauernhof auf. Das einzige Zeugnis ihrer Familie und damit ihrer Wurzeln, ist ein Koffer mit einem Bild ihres Großvaters, einem französischen Seidenschal und einem Fotoalbum über Frankreich. Ihr Großvater Magnus soll Franzose gewesen sein.

Zeit ihres Lebens schämt sich Siegtrud für ihre verformte Hand, die einer »Seehundflosse« gleicht, wird in der Schule gehänselt.

»Einer der Jungen behauptete, sie habe eine Seehundflosse, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft Seehundkopf gegessen habe. Ein anderer widersprach und sagte, dann müsse Siegtrud einen Seehundkopf haben. Ein dritter sagte, sie hätte doch einen Seehundkopf, und alle Kinder lachten. Siegtrud massierte die Flosse und versuchte zu lächeln, dachte, das würde es besser machen, aber das Lächeln wurde zur Grimasse.«

Als ihre Ziehmutter Hallfridur stirbt, ist der junge Gymnasiast Kjartan der einzige, von dem Siegtrud Liebe und Zuwendung erfährt. Die kurze Jugend-Affäre hat ein dramatisches Nachspiel, das Siegtrud auch nach der Heirat mit dem rauen Arbeiter Tomas nie ganz überwinden wird.

Seit einigen Jahren schon lebt Siegtrud mit ihrem Mann, nachdem dieser seine Anstellung in einer Fischfabrik verloren hat, in Reykjavik. Seit Kurzem ist sie Witwe. Trotz eines schicksalhaften Lebens ist Siegtrud keineswegs verbittert, sondern geht mit einer fast kindlichen Neugier und Naivität ganz ›Eigene Wege‹: Sie verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Zeitungsaustragen, nimmt in ihrer Freizeit mit Leidenschaft an Beerdigungen teil und verköstigt sich anschließend bei dem Leichenschmaus oder besucht Vernisagen, auf denen sie ein Gläschen Sekt trinkt. 

»Siegtrud war überrascht gewesen, dass man so viel in Reykjavík erleben konnte. Manchmal mischte sie sich unter die Gäste einer Vernissage und schlenderte so selbstverständlich umher, dass niemand nach ihrer Einladungskarte fragte. Interessiert betrachtete sie die Kunstwerke und nahm ein Glas Champagner entgegen. Bei diesen Ausflügen trug sie immer den französischen Schal um die Schultern. Sie besuchte Lesungen und Fotoausstellungen und fehlte nicht, wenn irgendwo bei freiem Eintritt gesungen wurde.«

Langsam wird in Siegtrud der Wunsch, das Geheimnis ihrer Herkunft zu durchdringen immer stärker. Ihre Recherche führt sie zurück in ihre Vergangenheit, nach Paris und in eine, zum ersten Male, völlig selbstbestimmte Zukunft. Die Suche nach ihren eigenen Wurzeln wird somit für Siegtrud nicht nur zur Reise zu sich selbst, sondern gleichzeitig zu einer späten und fast unerwarteten Befreiung.

Kristín Steinsdóttirs Roman ›Eigene Wege‹ erzählt auf zarte, anrührende, teils märchenhafte Weise von Schicksalsschlägen, Träumen und einem Leben in Island.
2008 wurde Kristín Steinsdóttir für ›Eigene Wege‹  für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert, 2007 mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet.

 

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