Lebenswünsche

Ein Beitrag von Tina Rausch über Eshkol Nevos Roman ›Wir haben noch das ganze Leben‹

Eshkol Nevo

Freundschaft ist wie »ein kleiner Staat, von Feinden umgeben«, schreibt Eshkol Nevo. In seinem bewegenden Roman ›Wir haben noch das ganze Leben‹ erzählt er von vier jungen Männern und ihrer langjährigen Verbundenheit.

»Ein Glück, dass es Weltmeisterschaften gibt«, sagt Juval zu seinen Freunden Churchill, Amichai und Ofir. »So gerinnt die Zeit nicht zu einem großen Klumpen, denn alle vier Jahre kann man innehalten und schauen, was sich verändert hat.« Seit ihrer Schulzeit in Haifa sind die vier befreundet. Nun sind sie um die dreißig, leben in Tel Aviv und suchen sich ihren Platz im Leben. Sie schauen gemeinsam Fußball, ringen um Frauen und persönliche Wertvorstellungen, stellen ihre gegenseitige Zuneigung aber nie infrage. Beim WM-Finale 1998 macht Amichai einen folgenschweren Vorschlag: »Was ich mir gedacht hab, sagte er, ist, dass jeder auf einem Zettel notiert, wovon er träumt, wo er in vier Jahren sein will. In persönlicher Hinsicht, in beruflicher. In jeder Hinsicht. Und bei der nächsten Weltmeisterschaft öffnen wir die Zettel und gucken, was in der Zwischenzeit passiert ist.«

Die aus einer Laune geborene Idee soll das Freundschaftsgefüge tief erschüttern. Juval, der ruhige und nachdenkliche unter den vieren, übernimmt die Rolle des teilnehmenden Beobachters: Die vier verschiedenen Lebenswünsche fest im Hinterkopf, erzählt er, wie es ihm und seinen Freunden in den kommenden Jahren ergeht. Er verfolgt die beruflichen und persönlichen Entwicklungen seiner Freunde, beschreibt Schicksalsschläge und tiefe Verletzungen – und untersucht, was Freundschaft ausmacht.

So sind vor allem Frauen verblüfft von dem engen Zusammenhalt der Clique: »Alle fünf Minuten ruft dich einer von ihnen an, und dann quatscht ihr euch fest«, beschwert sich Juvals Freundin Jaara. »Aber nicht dieses praktische Jungsgequatsche, sondern richtige Gespräche.« Ein paar Monate später ist sie nicht mehr mit Juval zusammen, sondern mit Churchill verheiratet. Und wundert sich immer noch: »Ihr kümmert euch einer um den anderen. Und das hat ein bisschen was Altmodisches, weißt du. Heutzutage kümmert sich niemand mehr wirklich um irgendetwas.« Die nächste Frau wirft Juval vor, er lasse sich von seinen Freunden blockieren, weil er statt seines eigenen deren Leben lebe. Doch Juval lässt auf Churchill, Amichai und Ofir nichts kommen. Freundschaft ist für ihn wie »eine Oase, die es möglich macht, die Wüste zu vergessen«. »Ein Floß, dessen Stämme aneinanderhängen« und »ein kleiner Staat, von Feinden umgeben«.

Wir haben noch das ganze Leben‹ ist eine einfühlsame Hymne an die Kraft der Freundschaft, die Fähigkeit zu vergeben und einander zu vertrauen. Eshkol Nevo schreibt mit viel Feingefühl und Humor und lässt wie nebenbei auch die alltäglichen Gefahren eines Lebens in Tel Aviv mit einfließen. So gibt es eine längere Funkstille zwischen Juval und den drei anderen, in der er sich nach Attentaten mit der schlichten Nachricht begnügt, dass alle noch am Leben sind.

Gegen Ende des Romans kommt Churchill zu Wort – und macht seinem ältesten Freund Juval das schönste Kompliment in dieser Geschichte: »Ohne dich sind wir ein zufällig zusammengewürfelter Haufen von Leuten. Mit dir sind wir Freunde. Ohne dich ist die große Stadt all das Schlechte, was Ofir ihr nachsagt. Mit dir ist sie ein Zuhause.«

Tina Rausch

Eshkol Nevo: Wir haben noch das ganze Leben, dtv premium

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