Lili Marleen

Die Geschichte eines Liedes von Liebe und Tod

»Liebe Lili Marleen, ich bin 24 Jahre alt, seit ein paar Monaten kämpfe ich in Russland. Ihr Lied habe ich sehr oft gehört, bevor ich an die Front kam. Gestern fiel mein bester Kamerad. Ehe er starb, bat er, ihm noch einmal ›Lili Marleen‹ vorzusingen.«

Rosa Sala Rose: Lili Marleen, dtv premium

Wohl kaum ein anderes Lied spendete den Soldaten im Zweiten Weltkrieg so viel Trost und war zugleich mit solch einer Sehnsucht und Hoffnung verknüpft wie das Lied vom Wachsoldaten und seiner Lili Marleen. Das Lied von Liebe und Abschied – womöglich für immer – rührte Soldaten auf beiden Seiten der Schützengräben gleichermaßen, hinterließ aber auch unerwünschte Spuren: »Die drei Minuten, die man sich der Nostalgie hingab, sorgten für ein bisschen Trost, aber auf Kosten eines hohen Preises. Das Lied war ein Riss im Panzer aus Kälte und Verrohung, der den Geist Tausender von Soldaten umschloss, und ohne Zweifel trug es auch zu ihrer Demoralisierung bei, weil es ihre Ohnmacht offenbarte.« 

 

Zeitweise schaffte es das Lied sogar, durch seine Klänge und seine wehmütige Emotionalität die Waffen an der Front für einen kurzen Augenblick zum Schweigen zu bringen.

Doch wer war Lili Marleen? Betty, die Tochter des Gemüsehändlers in dessen Haus Hans Leip einst wohnte? Die deutsche Sängerin Lale Andersen, denen tausende von Soldaten Briefe schickten, oft einfach adressiert an »Lili, Berlin«? Lilly Freud-Marlé, eine jüdische Tänzerin und Nichte Sigmund Freuds – ein heimlicher Skandal im Nazideutschland? Oder Marlene Dietrich, wie es die US-amerikanischen Soldaten so gerne glaubten? Und wie war es möglich, dass ein deutsches Lied über Feindesgrenzen hinweg geradezu über Nacht solch eine Bekanntheit und Popularität erlangen konnte obwohl von ihm ursprünglich nur 700 Schallplatten existierten? 

Einer Kriegsbeute gleich, machten die Soldaten der Aliierten die deutsche ›Lili Marleen‹ zu einer italienischen, französischen oder englischen Liebenden, die hoffnungsvoll auf die Rückkehr ihres Geliebten wartet. Doch nicht nur die »freundliche Übernahme« hatte auf die deutschen Soldaten, die unter zunehmenden Verlusten zu leiden hatten eine oftmals fatale demoralisierende Wirkung. Im tobenden Krieg war ›Lili Marleen‹ längst nicht nur ein unschuldiges Liebeslied, sondern Teil berechnender Kriegspropaganda: »Dein Führer ist ein Schinder,/ Das sehn wir hier genau./ Zu Waisen macht er Kinder, zur Witwe jede Frau. Und wer an allem schuld ist, den/ will ich an der Laterne sehn. Hängt ihn an die Laterne,/ Deine Lili Marleen.« Dabei standen die Deutschen bei der propagandistischen Nutzung des Soldatenliedes den Briten in nichts nach.

Kein Wunder, dass ›Lili Marleen‹ auf beiden Seiten der Front von der Basis ebenso geliebt wie von der Führung gefürchtet wurde. Ihrer bekanntesten deutschen Interpretin Lale Andersen wurden das Lied und sein enormer Einfluss auf die Soldaten zeitweise zum Verhängnis. Ihre einstige Liebesbeziehung zu dem Schweizer Komponisten jüdischer Herkunft Rolf Liebermann, sowie anhaltende freundschaftliche Beziehungen zu jüdischen Emigranten in der Schweiz verunsicherten die Nazi-Führung über die Loyalität und die politische Position der Sängerin. Weitere Geschichten erzählen gar von der aktiven Auflehnung Lale Andersens gegen das Regime. Die Folge waren Berichterstattungsverbote für die Presse, Auftrittsverbote sowie weitere Repressalien – sollten diese Maßnahmen die ambitionierte Sängerin gar zu einem Selbstmordversuch veranlasst haben?

Die Bedeutung von ›Lili‹ als Objekt der männlichen Sehnsucht bleibt auch nach dem Krieg, wenn auch nicht mehr in Gestalt eines Liedes erhalten: Als Karikatur der 1952 gegründeten BILD-Zeitung machte sie eine neue  Karriere der ganz anderen Art, deren Höhepunkt schließlich ihr Einzug in Millionen von Kinderzimmern bedeuten sollte – als Barbie-Puppe des amerikanischen Spielzeugherstellers Mattel. Wieder einmal war die deutsche ›Lili Marleen‹ zur »Kriegsbeute« der Alliierten geworden. Doch dieses Mal wurde sie von den Waffen des Kapitalismus erobert und im Kontext eines anderen Krieges, des Kalten Krieges.

Rosa Sala Rose geht den ebenso zahlreichen wie unterschiedlichen Geschichten um die Entstehung von ›Lili Marleen‹ nach. Sie beschreibt, welche Bedeutung es für das Leben seines Autors, Hans Leip, seiner deutschen Interpretin, Lale Andersen und seines Komponisten Norbert Schultze hatte und welches Schicksal sie mit dem Lied verband. Aber auch, wie die Allierten auf den Erfolg des deutschen Liedes reagierten und welche Rolle es für die Karriere von Marlene Dietrich spielte.

Marianne Bohl, dtv

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.