Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter

Rezension von Tina Rausch, freie Journalistin

In ihrem bislang persönlichsten Buch begibt sich die israelische Autorin Lizzie Doron auf eine schmerzhafte Spurensuche nach einer verlorenen Biographie und einem verschwundenen Vater.

Alisas Mutter ist ein Safe. Tief in ihr lagern Geschichten und Geheimnisse: von einem ominösen alten Onkel, von Alisas Großeltern und einem schrecklichen Ort namens Shoa, vor allem aber von Alisas Geburt und dem Verbleib ihres Vaters. Doch so sehr Alisa auch fragt, bittet und bettelt, kein Wort kommt über die Lippen der Mutter. So erträumt sich das Mädchen einen Vater, stellt ihn sich als Helden, Intellektuellen oder Partisan vor und fürchtet im Geheimen, dass er ein Kapo war. Und weil er vielleicht immer genau dort ist, wo sich Alisa gerade nicht befindet, schleicht sie herum und sucht nach ihm: »Im Sommer zwischen der dritten und der vierten Klasse hatte ich meinen Vater noch immer nicht gefunden, nicht zu Hause, nicht in der Synagoge, nicht in der Krankenkassenambulanz.« Die Mutter aber schweigt – bis zuletzt: »Was ich wollte, das du weißt, weißt du«, antwortet sie noch zwei Tage vor ihrem Tod auf die verzweifelten Fragen der Tochter.

Jede Familie trägt ihr Geheimnis

Das Schweigen meiner Mutter‹ ist Lizzie Dorons bislang persönlichstes Buch; Alisas Geschichte eng mit ihrer eigenen verwoben. So wuchs Alisa ebenso wie Lizzie Doron in den 50er-Jahren in einem Viertel Tel Avivs auf, in dem sich Überlebende der Shoa eine neue Existenz aufgebaut haben. Auch Alisa verlässt als junge Erwachsene das Viertel, um eine Zeit lang in einem Kibbuz zu leben. Und als Schriftstellerin erfindet sie schließlich die Geschichten, die ihr das eigene Leben vorenthielt. Jahrzehnte später kommt sie zurück an den Ort ihrer Kindheit. Sie trifft Kindergarten- und Schulfreundinnen von einst und erkennt plötzlich, dass auch deren Familien Geheimnisse verbargen. Vor allem aber muss sie erfahren, dass die Nachbarn die Geschichte ihres Vaters kannten, von Alisas Mutter jedoch zum Schweigen verpflichtet waren. »Dein Vater war top secret. Und die höchste Geheimhaltungsstufe galt gerade dir gegenüber«, erinnert sich Alisas Freundin Chajale, »aber glaub mir, auch heute denke ich, trotz allem, dass es nichts Besseres gibt als einen verschwundenen Vater und eine schweigende Mutter. Dann bleibt alles offen, alles ist möglich.«

Das Schweigen meiner Mutter‹ ist die Suche nach Gewissheit

Doch Alisa reicht die Vorstellung allein nicht aus, sie wünscht sich Gewissheit:

»Leben ohne eine Biographie ist wie Leben ohne ein Bein, ohne ein Auge, ohne eine Niere.«

Ihre späte Suche nach dem Vater führt sie zurück in den Kibbuz, in dem sich ihre Eltern kennenlernten. Sie spricht mit Menschen, die sowohl ihre Mutter als auch ihren Vater kannten, recherchiert in Archiven, untersucht alte Fotos. So setzt sie ihre verlorene Biographie wie ein Puzzle Stück für Stück zusammen. Am Ende entsteht nicht nur ein Bild ihres Vaters, sondern auch ein tiefes Verständnis für ihre Mutter: Diese trug die traurige Wahrheit ihr Leben lang ganz allein. Sie hatte sich zum Schweigen entschieden, weil sie ihre Tochter schützen wollte.

Tina Rausch, freie Journalistin

Ein Kommentar zu “Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.