Maggie Shipstead: Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit

Eine Hochzeit, Irrtümer und späte Einsichten

Maggie Shipstead versucht sich als die Edith Wharton der jetzigen Generation. Mit Erfolg: In ihrem eindrucksvollen Debütroman ›Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit‹ beschreibt sie mit wunderbar versteckter Ironie das Leben einer typischen amerikanischen Familie der Upper Class, voller Standesdünkel, und doch nicht exklusiv genug für die wirkliche Spitze der Gesellschaft. Ein Leben zwischen renommierten Clubs, alltäglichen Sorgen und der Furcht um den Ruf der Familie – viel scheint sich seit ›The Age of Innoscence‹ tatsächlich nicht verändert zu haben.

buch_L_210px2Winn van Meter, ein reicher North-Easterner alter Schule, hat eigentlich alles, was man sich wünschen könnte: Erfolg im Beruf, eine Ehefrau mit Herkunftsnachweis, zwei hübsche Töchter, von denen eine, Daphne, hochschwanger, sogar im Begriff ist zu heiraten. Die Hochzeit soll in dem Ferienhaus der van Meters auf dem fiktionalen Waskeke stattfinden, der Art von Insel, wo altes Geld zusammenkommt um alte Beziehungen zu pflegen. Doch auch die frisch gestrichene Fassade und der Trubel und Glanz der streng choreographierten Hochzeitsvorbereitungen können die großen und kleineren Tragödien des Lebens nicht einfach ausblenden: Livia, Winns zweite Tochter, wurde schwanger von ihrem Freund sitzengelassen, der exklusivste Club der Insel verweigert ihm die Mitgliedschaft und auch seine Ehe, nach außen hin ein perfektes Konstrukt, wird gefährdet, als Winn einer der Brautjungfern einfach nicht widerstehen kann. Für Winn, der sich sonst immer streng nach gesellschaftlichen Maßgaben gerichtet und sich nie Zweifel oder Schwäche erlaubt hat, wird das dreitägige Großereignis zum Anlass innezuhalten. Er gerät immer tiefer in den Strudel einer Sinn- und Midlife-Crisis, wird hin- und hergerissen zwischen Schuldgefühlen ob den Ansprüchen seiner Familie und den stets hochzuhaltenden Ivy-League-Traditionen – eben ›Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit‹.

Die eigentliche Handlung des Romans umfasst nur drei Tage, doch dieser kurze Zeitraum reicht Maggie Shipstead. In Rückblenden und einigen Perspektivwechsel entrollt sie sowohl Einzel- als auch Familienschicksale und entwirft so mit leichtem, süffisanten Ton ein Bild einer Gesellschaft, die alles geben würde um den selbst auferlegten Regeln zu folgen und den äußeren Schein zu wahren. Ihre subtile, verständnisvolle Beschreibung der Nöte einer Familie, die alles hat, weckt Sympathien und belustigt zugleich. ›Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit‹ gibt Stoff zum Nachdenken, unterhält dabei ganz ausgezeichnet. Der Rom der jungen US-Amerikanierin Maggie Shipstead gewann 2012 den Dylan Thomas Prize und stand auf der Shortlist des Flaherty-Dunnan First Novel Prize. Absolut lesenswert!

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