Magische Reise

Transsibirische Eisenbahn

Einem tibetanischen Sprichwort zufolge ist die Reise die Rückkehr zum Wesentlichen, denkt Anne, als sie mit fünf Russen im Abteil der Transsibirischen Eisenbahn sitzt. Mit Dostojewskis Roman ›Verbrechen und Strafe‹ als Wegzehrung folgt sie ihrem ehemaligen Geliebten Gyl, der Paris verließ, um am Ufer des Baikalsees neu anzufangen: »Nach mehreren Wochen ohne ein Lebenszeichen von ihm hatte ich beschlossen, dieselbe Reise im selben Zug anzutreten.« Während draußen die scheinbar unendlich weite Landschaft vorbeizieht, lässt Anne ihre Gedanken schweifen. Dabei landet sie immer wieder bei Clémence, ihrer alten Nachbarin in Paris: »Sie wurde gleichsam zum Teil dieser Reise, von der ich manchmal befürchtete, sie sei sinnlos, ohne wahres Ziel oder, schlimmer noch, mit unbekanntem Ziel so wie in Le train zéro von Yuri Buida.«

Die Bauarbeiten für die Transsibirische Eisenbahn begannen im Mai 1981 in Wladiwostok in Anwesenheit des späteren Zaren Nikolai II. Damals wurden gleich mehrere Ziele verfolgt: Neben der geplanten Umsiedlung tausender Menschen sollte der strategisch wichtige Ferne Osten ins Russische Reich integriert, Sibiriens Rohstoffreichtum besser und leichter erschlossen sowie mehr Raum für die wachsende russische Industrie geschaffen werden. 25 Jahre später, im Oktober 1916, nahm die bis heute längste durchgehende Eisenbahnverbindung der Welt ihren Betrieb auf. Auf ihrer Reise von Moskau bis Wladiwostok legt die Transsib 9288,2 Kilometer zurück; sie durchquert Europa und Asien, überquert 16 große Flüsse und passiert 89 Städte. Weitere Superlative, die faszinierende Landschaft und Sehenswürdigkeiten wie der vollständig aus Marmor erbaute Bahnhof in Sljudjanka locken heutzutage Touristen aus aller Welt in die Transsib. Den Einheimischen dient sie hingegen als ganz normales Fortbewegungsmittel: »Sie richteten sich häuslich im Zug ein, liefen zwischen Samowar und Abteil hin und her, improvisierten Mahlzeiten mit am Bahnsteig gekauften Vorräten, Fleischbällchen, gekochten Kartoffeln, in Stücke zerlegten Brathähnchen«, schildert Anne das Treiben in ihrem Waggon. Sie hat sich bewusst für die Fahrt unter Russen entschieden – und trägt schon bald genau wie diese ganz einfache, bequeme Hauskleidung: »Man richtete sich in der Zeit ein. Kein einziger erstaunter Blick fiel auf den Schlafanzug, den ich am Leib trug, nicht einmal, wenn ich auf den Bahnsteig ging, um ein paar Besorgungen zu machen.« Zurück im Zug, wenn Anne den Gang entlangläuft, fühlt sie sich wieder an Clémence erinnert, ihre Nachbarin, die wie eine Museumswärterin tagein, tagaus auf ihrem roten Canapé am Ende eines langen Flurs saß: »Derselbe abgenutzte Teppich, dieselben schäbigen Vorhänge.« Clémence und deren große Liebe Paul vermischen sich in Annes Gedanken mit ihrer eigenen verflossenen Liebe Gyl, den Männern, die danach kamen, und dem geheimnisvollen Igor vis-á-vis. Im hin und her schwankenden Abteil, eingebettet in ihre Einsamkeit, wird Anne von den Bildern verschiedenster Reisen eingeholt – und erkennt zuletzt, dass diese besonders merkwürdige Reise »nicht mehr von dem getragen wurde, was einmal ihr Anlass gewesen war, sondern von etwas anderem, etwas, das mich zwang, mir einzugestehen, dass es im Grunde nur um mich ging«.

Tina Rausch

Michèle Lesbre: Das rote Canapé


 

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