Mahzarin R. Banaji und Anthony G. Greenwald:
Vor-Urteile

Ein Selbstversuch

Banaji/Greenwald: Vor-Urteile
Was Sie schon immer über sich selbst wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Der Implizite Assoziationstest (IAT) dringt in unser Unbewusstes und bringt Ressentiments gegen soziale Gruppen ans Licht. Wie das funktioniert, beschreiben Mahzarin R. Banaji und Anthony G. Greenwald in ihrem Buch ›Vor-Urteile‹.

Es beginnt ganz harmlos: Anhand eines Gitternetzes mit zwei schwarzen Punkten und einem Kreuz dazwischen demonstrieren die Autoren in ›Vor-Urteile‹, dass jeder von uns einen »blinden Fleck« auf der Netzhaut hat. Das »absolute Skotum« ist dafür verantwortlich, dass bei einem bestimmten Abstand zwischen Auge und Abbildung einer der Punkte aus dem Sichtfeld gerät. Mein Gehirn reagiert exakt so, wie es die Psychologen beschreiben: Es ergänzt das Gitternetz, gleicht den Sehausfall also automatisch aus. Dieses Phänomen in der visuellen Wahrnehmung vergleichen Mahzarin R. Banaji und Anthony G. Greenwald mit den Ressentiments, um die es im Folgenden geht, denn »versteckte Vorurteile sind uns genauso wenig bewusst wie das absolute Skotom in unseren Augen«.

Blinder Fleck aus Banaji/Mahzarin: Vor-Urteile
Betrachten Sie die Grafik in einem Abstand von etwa 30 Zentimetern vor Ihrem Gesicht. Verdecken Sie ein Auge, und fixieren Sie mit dem anderen das Pluszeichen zwischen den beiden großen schwarzen Punkten. Wenn Sie den Abstand zur Abbildung bis auf ungefähr 15 Zentimeter verringern, verschwindet der schwarze Punkt auf der Seite Ihres geöffneten Auges und taucht wieder auf, wenn Sie den Abstand noch weiter verkleinern. Der Punkt wird genau dann unsichtbar, wenn er in den blinden Fleck Ihres geöffneten Auges fällt.

Der Implizite Assoziationstest (IAT)

Die beiden kennen sich seit 1980. Damals kam Mahzarin R. Banaji aus Hyderabad an die Ohio State University, um als Doktorandin mit Anthony G. Greenwald zusammenzuarbeiten. In der Psychologie rückten die unbewussten kognitiven Prozesse in den Fokus: Statt Probanden nach ihren Absichten und seelischen Zuständen zu befragen, erarbeitete man neue Methoden, um mentale Inhalte und Abläufe zu erforschen. Hier setzt der von Banaji und Greenwald entwickelte IAT an. Dieser auf Papier oder online zu absolvierende Test bringt individuelle Einstellungen ans Licht, d. h., »er verweist auf die Vorlieben und Abneigungen einer Person, wie beispielsweise, ob man Blumen mag (eine ›positive‹ Einstellung) oder sich vor Insekten ekelt (eine ›negative‹ Einstellung)«.

Glückliche Blumen, hässliche Insekten

Zum besseren Verständnis findet sich in ›Vor-Urteile‹ ebendieser Insekten-Blumen-Test: Blatt A und B listen jeweils identische Insekten- und Blumenarten auf, dazwischen positiv konnotierte Wörter wie »glücklich«, »Liebe« und negative wie »hässlich«, »Schmerz«. Aufgabe ist, auf Zeit erst alle Insekten und positiven Wörter nach links, alle Blumen und negativen Wörter nach rechts zu sortieren. Ich benötige 36 Sekunden und mache zwei Fehler, die zwei Zusatzpunkte bringen. Auf Blatt B soll ich nun Blumen und positive Wörter nach links, Insekten und negative Wörter nach rechts sortieren. Das geht viel schneller! In 23 Sekunden bin ich durch. Es fällt mir also leichter, Blumen mit positiv besetzten Wörtern zu assoziieren, d. h., ich habe eine automatische Präferenz für Blumen gegenüber Insekten. Ob diese stark, moderat oder schwach ausgeprägt ist, verrät die Differenz zwischen kleinem und großem Wert: Mit 15 liege ich nah an den von Banaji und Greenwald ermittelten moderaten durchschnittlichen 16 im Kollegenkreis.

Wahrheit oder Eindrucksmanagement?

Obwohl mir der grüne Daumen fehlt: Dass mir Rose und Tulpe lieber als Motte und Mücke sind, wusste ich schon. Doch wie steht es mit hell- und dunkelhäutigen Menschen? Dass es fatal wäre, jemanden wegen seiner Hautfarbe zu bevorzugen oder zu benachteiligen, weiß ich auch. Flüchte ich deshalb vielleicht in eine »blaue Lüge«? Darunter verstehen die Autoren jede unehrliche Antwort, mit der wir versuchen, »eine tiefere Wahrheit auszudrücken«. Dieses »Eindrucksmanagement« rechtfertigen wir damit, »dass wir uns vor anderen so darstellen wollen, wie wir uns (aufrichtig) selbst sehen«. Der »Race IAT« soll meine »echte« innere Einstellung ermitteln. Er funktioniert wie der Insekten-Blumen-Test – zwischen den positiven und negativen Wörtern sind nun helle und dunkle Kindergesichter zu sehen. Davor steht ein Warnhinweis. Bei etwa der Hälfte aller Probanden weicht Mahzarin R. Banaji und Anthony G. Greenwald zufolge das Ergebnis von der eigenen Vorhersage ab. Das gilt sogar für sie selbst. Und für mich: Mit der Differenz 9 ist meine automatische Präferenz für weiße gegenüber schwarzen Kindern zwar schwach. Ungut finde ich das Ergebnis trotzdem. Also wiederhole ich den Test online. Hier sind Erwachsene zu sehen – und ich rutsche ab in die mittlere automatische Präferenz von Weißen. Dass ich mit der Mehrheit schwimme, tröstet nicht: Bei 27 Prozent der bisherigen Teilnehmer zeigte sich eine mittlere, bei weiteren 27 Prozent gar eine starke Präferenz.

Mentale Fehler überlisten

Zumindest geben die Autoren Entwarnung: Die in den IATs ermittelten Diskriminierungen »äußern sich weder in rassistischen Bemerkungen noch in abfälligen Äußerungen oder gar in aggressiven oder gewalttätigen Handlungen«. Wohl aber decken sie eine latente Voreingenommenheit und damit einen folgenreichen Programmierfehler im Gehirn auf: Wir ziehen über Einzelne vorschnelle Schlüsse, weil wir sie als Vertreter einer sozialen Gruppe statt als Individuen sehen. Neben der Ethnie kann es sich dabei um

  • Alter,
  • Geschlecht,
  • Gewicht,
  • soziale Schicht,
  • Sexualität etc.

handeln. Zu diesen und weiteren Gruppen gibt es IATs. Ich habe sie so lange gemacht, bis die Erlösung kam: Bei der Verknüpfung von weiblich oder männlich mit Familie oder Karriere zeigt sich bei mir eine geringe bis gar keine Assoziation. Gegen dieses Vorurteil scheine ich immun, immerhin. Und meine anderen mentalen Fehler überliste ich einfach. Wie das geht? Auch das verraten Mahzarin R. Banaji und Anthony G. Greenwald in ›Vor-Urteile‹.

Ein Selbstversuch von Tina Rausch

›Vor-Urteile‹ ist als Klappenbroschur und eBook erhältlich:

Mahzarin R. Banaji, Anthony G. Greenwald
Vor-Urteile

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