Muriel Barbery:
Das Leben der Elfen

7 Jahre nach ›Die Eleganz des Igels‹ - 7 Figuren, die Sie in die Welt des Buches entführen

Das Leben der Elfen Muriel BarberyMehr als 7 Jahre ist es her, dass Muriel Barbery uns mit ›Die Eleganz des Igels‹ verzauberte. Die Vorfreude auf ihren neuen Roman ›Das Leben der Elfen‹ ist groß. Um Ihnen die Wartezeit etwas zu verkürzen, verraten wir bis zum Erscheinen des Buches am 18. März jeweils 7 Details rund um den Roman. Heute: 7 Figuren, die sie in die Welt des Buches entführen.

1. Maria Faure – Die Kleine aus Spanien
»Hier soll gesagt sein, was für ein Kind sie war am Tag dieses bemerkenswerten Ereignisses. Die sechs Erwachsenen, die auf dem Bauernhof lebten – der Vater, die Mutter, zwei Großtanten und zwei Großcousinen –, vergötterten die Kleine. Ein Zauber umgab sie, der anders war als der Zauber von Kindern, mit denen das Leben in ihren ersten Stunden gnädig war, anders als jene Anmut, die aus der richtigen Mischung von Unschuld und Glück hervorging. Wenn sich die Kleine bewegte, nahm man eher einen schillernden Lichtkreis wahr, den die vom Leben auf den Feldern und in den Wäldern geprägten Menschen dieser Gegend mit dem Flimmern der großen Bäume verglichen. (…) Und welches Temperament! Immerzu lief sie über Felder und Wiesen, ließ sich ins Gras fallen, um den übergroßen Himmel zu betrachten, watete barfuß durch den Bach, sogar im Winter, um die beißende Kälte zu spüren, und mit dem Ernst eines Bischofs erzählte sie schließlich jedermann die großen und kleinen Ereignisse ihrer Tage im Freien. Dazu kam eine leise Traurigkeit, wie sie jenen Geistern eigen ist, deren Intelligenz die Wahrnehmung übersteigt und die aufgrund der zarten Hinweise, die sich selbst an jenen behüteten, wenn auch sehr armen Orten finden, wo die Kleine aufwuchs, schon die Tragödien der Welt erahnen.«

2. Clara Centi – Die Kleine aus Italien
»Claras Blick glitt schnell und konzentriert über die beiden offenen Seiten der Partitur – ein, zwei, drei Lidschläge –, und ein unerklärlicher Ausdruck erschien auf dem Gesicht des Maestros. Dann spielte sie. Sie spielte so langsam, so schmerzerfüllt, sie spielte mit einer so unendlichen Sanftheit und einer solchen Vollkommenheit, dass niemand ein Wort herausbrachte. Dieses Mädchen spielte mit der Traurigkeit und dem Schmerz eines Kindes, jedoch mit der Langsamkeit und der Vollkommenheit eines reifen Menschen. Kein Erwachsener hätte das Präludium so spielen können, denn Erwachsene sind nicht mehr fähig, zum Zauber dessen vorzudringen, was gleichzeitig jung und alt ist.«

3. Eugénie – Marias Großtante, die »beim Füttern der Kaninchen in der gleichen Art mit den Tieren sprach, wie sie sich beim Beten an Gott wandte.«
»(Eugénie) betrachtete die Welt als ein Zusammenspiel von Tagen und Aufgaben, deren Notwendigkeit schon allein durch ihre Existenz bewiesen war. Sie stand am Morgen auf, um zu beten und die Kaninchen zu füttern, danach braute sie ihre Heilmittel, betete wieder, nähte, flickte, scheuerte, ging nach draußen, um ihre Kräuter zu sammeln und ihren Gemüsegarten zu harken, und wenn alles rechtzeitig und ohne Zwischenfälle getan war, legte sie sich zufrieden und ohne einen einzigen Gedanken schlafen. Doch dass sie die Welt so annahm, wie sie sich ihr darbot, bedeutete keineswegs, dass sie resigniert hatte. Wenn Eugénie glücklich war über ein mühevolles Leben, das sie nicht gewählt hatte, dann deshalb, weil (…) sie in die von unsichtbaren Regeln regierte Ordnung der Dinge eingeweiht war, die sie glücklich machte, auch wenn sie so arm geboren worden war.«

4. Rose Faure – Marias Adoptivmutter
»Da war Rose, deren Element der Himmel war, während alle anderen mit der Erde verbunden waren, und die, inmitten von Wiesen und Weiden, ihre Kräfte aus Quellen und Bächen zu schöpfen schien – was erklärt, weshalb sie trotz ihres stillen Wesens fester war als Gestein und trotz ihrer unscheinbaren Gestalt so durchscheinend und lebendig wie Wasser. Wenn Maria ihre Mutter vor dem Schlafengehen küsste, konnte sie spüren, wie die Trauer, die sich in der Seele ihres Vaters abgelagert hatte wie Schlick und Lehm, in Rose wie ein Fluss dahinströmte, der Kummer und Leid mit sich führte und sich im Strom ihres Atems auflöste, dessen Kraft niemand ahnte. (…) Rose war eine Frau des Äthers und der Flüsse, weil durch die Magie einer innigen Verbundenheit mit ihrem Geschlecht, die über die Blutsbande hinausreichte, in ihr jene fortlebten, die ihr vorangegangen waren; und sie träumte vom Reisen, weil ihre Vision die Räume und Zeiten durchdrang und die Wege des weiblichen Kontinents miteinander verband – und das alles verlieh ihr jene Durchsichtigkeit, die sie entrückte und ihr Leichtigkeit verlieh, und jene Energie, die sie aus einer fernen Quelle schöpfte.«

5. Don Centi, Adoptivvater von Clara, Pfarrer von Santo Stefano
»Don Centi stammte aus einer wohlhabenden Familie aus L’Aquila, deren Nachkommenschaft verkümmerte, da er selbst Priester geworden war, zwei seiner Brüder früh verstorben waren und der dritte, Alessandro, der bei seiner Tante die Irrungen eines ausschweifenden Lebens in Rom abbüßte, sich nie zur Heirat entschlossen hatte. (…) Don Centi war ein gewissenhafter, biederer Mann, dem man dankbar war, dass er nicht böse war, ohne ihn jedoch rühmen zu können, gut zu sein, und der alle Dinge und alle Menschen mit einem Gleichmut behandelte, der ihn unfähig zu Niederträchtigkeiten machte, ohne ihn zu Großem zu befähigen.«

6. Gustavo Acciavatti – der Maestro
»Der Übungsraum von Maestro Gustavo Acciavatti befand sich im obersten Stock eines schönen Hauses mit großen Fenstern, durch die so viel Helligkeit flutete, dass das Parkett in einen See aus flüssigem Licht verwandelt wurde. Der Mann, der am Klavier saß, wirkte auf Clara sehr jung und zugleich sehr alt, und als sie seinem Blick begegnete, dachte sie an einen Baum, den sie aufgesucht hatte, wenn sie traurig war. Seine Wurzeln reichten tief in den Erdboden hinein, doch seine Äste waren kräftig und biegsam wie junge Zweige. Ein Strahlen ging von ihm aus, während er sie aufmerksam beobachtete, ohne dass sie etwas zu sa¬gen brauchte. Clara hätte die Form von jedem Stein auf ihren Wegen beschreiben und jeden einzelnen Ast an jedem ihrer Bäume aus dem Gedächtnis zeichnen können, doch die Gesichter der Menschen zogen wie in einem Traum an ihr vorbei, bevor sie in einem allgemeinen Gewirr untergingen. Dieser Mann aber, der sie schweigend betrachtete, war für sie genauso gegenwärtig und lebendig wie ihre Bäume, und in einer beinahe schmerzhaften Helligkeit nahm sie deutlich die Struktur seiner Haut und das Irisieren seiner Augen wahr. Sie blieb reglos vor ihm stehen. Ich kenne euch, aber ich weiß nicht, woher.«

7. Petrus, der seltsame Diener:  »Ich trinke gern ein Glas über den Durst, und ich bin vielleicht nicht besonders schlau. Aber wenigstens weiß ich, wie man eine Geschichte erzählt.«
»Dabei konnte man nicht behaupten, dass er sich besonders manierlich benahm. Wenn er sie am Morgen wecken kam, war er außer Atem, hatte zerzaustes Haar und einen verschwommenen Blick. Sie glaubte nicht mehr, dass der Moscato vom ersten Tag eine Ausnahme gewesen war, denn er verfing sich regelmäßig mit den Füßen in den Teppichen, und während der Unterrichtsstunden saß er zusammengesunken in einem Sessel und schlief, wobei Speichel aus seinen Mundwinkeln lief. Von Zeit zu Zeit gab er undeutliche Laute von sich; wenn er erwachte, schien er überrascht, mit ihnen in einem Raum zu sein. Dann versuchte er, die Welt wieder ins Lot zu bringen, indem er entschlossen seine Jacke oder seine Hose zurechtzog, doch das Ergebnis war meist so kläglich, dass er schließlich mit hängendem Kopf aufgab. Wenn er sich endlich daran erinnerte, dass Clara da war, musste er zweimal zu sprechen anheben, denn das Gebrabbel, das zunächst aus seinem Mund kam, enthielt keine Vokale.«

Ab 18.3. als Hardcover und eBook erhältlich

Muriel Barbery
Das Leben der Elfen

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