Mütter & Söhne

Colm Toíbín

›Mütter und Söhne‹

Colm Tóibín: Mütter und Söhne

Colm Toíbín legt nach mehreren Romanen mit ›Mütter und Söhne‹ erstmals einen Erzählband vor. Die Beziehung der Mütter und Söhne in seinen zehn Erzählungen verbindet eine Gemeinsamkeit: Sie ist von einer großen Leere geprägt, die sich aus dem Spannungsverhältnis von gewünschter Nähe und tatsächlicher Distanz ergibt.
Symbolisch für das sich wiederholende Motiv der nicht existierenden Verbindung zwischen Mutter und Sohn ist bereits der Satz, mit dem Colm Toíbín seinen Erzählband beginnt: »Die Stadt war eine große Leere«. Gefüllt wird diese Leere in keiner einzigen Erzählung, Mütter und Söhne erfahren keine sichtbare Annäherung. Im Gegenteil: Die Leerstelle bleibt im Raum stehen und entfaltet nicht zuletzt dadurch ihre intensive Wirkung.

So hat die Mutter den depressiven Sohn gerade aus dem Krankenhaus nach Hause gefahren und kann ihrem Mann doch nicht auf die Frage nach dem Verbleib des Kindes antworten:
»Seamus starrte sie vom Bett aus an, und als sich ihre Blicke begegneten, durchfuhr sie kurz die Vision einer Zukunft, in der sie jedes Gramm Selbstsucht, das sie besaß, würde aufbieten müssen. Sie schloss die Augen, bevor sie sich nach ihm umdrehte. ›Ist er wieder da? Hast du ihn mitgebracht?‹ fragte er sie noch einmal.«

Dabei steht die eigentliche Beziehung zwischen den Müttern und ihren Söhnen nicht immer im Mittelpunkt der Erzählung: Mal ist es ein gestohlenes Gemälde, mal der Versuch einer Mutter für sich und ihre Kinder durch die Eröffnung eines Fish & Chips Shops eine neue Existenz aufzubauen.
In einigen Erzählungen, wechseln Mutter und Sohn kein einziges Wort miteinander, wissen vielleicht gar nicht, dass sie sich im selben Raum befinden.
So beispielsweise  in einer Erzählung, in der Mutter und Sohn nach langen Jahren durch Zufall in dem selben Pub verweilen. Die Mutter hatte die Familie vor langer Zeit  für einen anderen Mann und ihre Karriere als Sängerin verlassen. Der Sohn entzieht sich der Konfrontation mit seiner Mutter, stellt sich ihr, die ihn nicht zu erkennen scheint, nicht vor. Statt sie im Hier und Jetzt zu treffen, begegnet er ihr vielmehr in seinen Gedanken an seine Kindheit, an der sie nur als Schatten, als schmerzlich Fehlende teilgenommen hat.
»Sein Name erschien auf dem Cover zusammen mit den Namen der übrigen Musiker. Er sah sich die CD-Hüllen immer so an, als wäre er sein Mutter, fragte sich, ob sie sich diese Aufnahmen kaufen würde, und stellte sich vor, wie sie die auf der Rückseite aufgelisteten Namen überflog und auf seinen Namen stieß und einen Augenblick lang innehielt und sich ins Gedächtnis rief, wie alt er jetzt sein musste.«

Colm Toíbín nimmt in den Erzählungen mal die Sicht der Mutter, mal die des Sohnes ein, aber nie beide gleichzeitig. Damit bleibt der jeweilige Gegenpart für den Leser ebenso unergründlich wie für den Protagonisten selbst.

Neben der Mutter-Sohn-Beziehung beschreibt Colm Toíbín das Leben in der südirischen Provinz. Er verzichtet dabei gänzlich auf Klischees oder Sentimentalität. Seine Protagonisten leiden und profitieren gleichermaßen von dem Wandel, der sich in Stadt und auf dem Land vollzieht, hinterfragen ihn nicht, sondern akzeptieren ihn un passen sich ihm an. Gleichzeitig lässt Colm Toíbín die Vergangenheit in den Gedanken und den Handlungen seiner Protagonisten lebendig werden – mehr als die Zukunft.

Colm Toíbín

Colm Toíbín ist irirscher Schriftsteller und wurde 1955 in Enniscorthy geboren. Nach dem Studium lebte er einige Jahre in Barcelona. Diese Zeit spiegelt sich unter anderen in seinem ersten Romanen ›Der Süden‹ (dt. 1994) wider. Sein Debüt wurde von der Kritik mit Begeisterung gefeiert. Es folgten weitere Romane wie ›Das Feuerschiff von Blackwater‹, ›Die Geschichte der Nacht‹ und ›Porträt des Meisters in mittleren Jahren‹. Seine Bücher wurden mit zahlreichen literarischen Preisen bedacht. Colm Toíbín veröffentlichte zudem mehrere Sachbücher und ist als Literaturkritiker tätig. Zur Zeit lehrt er an der Princeton University, USA.

Hier geht’s zur Leseprobe von ›Mütter und Söhne‹

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