Odile Kennel: Was Ida sagt

... und was Odile Kennel dazu sagt

In einer bilderreichen und atmosphärischen Sprache erzählt Odile Kennel in ihrem Debütroman ›Was Ida sagt‹ eine Familiengeschichte aus der Perspektive von drei ganz unterschiedlichen Frauen, die durch ein Familiengeheimnis gleichsam getrennt wie verbunden sind.
Auf der Frankfurter Buchmesse hat die sympatische Autorin mit uns über die Idee zu ihrem Roman, die Bedeutung von Sprache und ihre deutsch-französischen Wurzeln gesprochen.

Nach 11 Jahren kehrt die 29-jährige Louise zum ersten Mal aus Berlin in ihre Heimat, die Normandie zurück. Auf der Beerdigung ihrer Großtante trifft sie auf ihre Mutter Paulette und deren Cousine Ida Kempf, von der Louise bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas gehört hat.
Auf eigenartige Weise fühlen sich Louise und Ida sofort miteinander verbunden und als die beiden die Beerdigung von Idas Mutter verfrüht gemeinsam verlassen, beginnt Ida zu erzählen: Von ihrer Kindheit, dem Leben vor dem Krieg und während der deutschen Besatzung, der Freundschaft zu Paulette und verbotenen Liebesbeziehungen zu deutschen Wehrmachtssoldaten. Und Louise merkt, dass diese Geschichten nicht nur Idas Vergangenheit betreffen, sondern auch eng mit ihrem eigenen Leben verknüpft sind.

Odile Kennel ist die Tochter einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Sie lässt Ida zwar nicht die Geschichte, und damit verbundenen Konflikte, ihrer eigenen Familie erzählen, doch sind ihr gewisse Ressentiments gegenüber dem ehemaligen »Erbfeind« aus eigener Erfahrung nicht fremd.

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Obgleich Odile Kennel eine und nicht die Geschichte ihrer Familie beschreibt, begann die Recherche für ›Was Ida sagt‹ mit Interviews, die sie mit verschiedenen Familienmitgliedern führte und die sie weiter zu vielen Archiven und Museen leitete.
Bis vor wenigen Jahren wurde das Thema der »freundlichen deutschen Besetzung« und ihrer Folgen sowohl in der deutschen wie auch in der französischen Öffentlichkeit gleichsam totgeschwiegen. Odile Kennel ist eine der wenigen, die dieses Thema literarisch aufarbeitet.
Das Interesse an diesem Tabuthema hat Odile Kennel nicht nur aufgrund ihrer französischen und deutschen Wurzeln entwickelt. Schon immer, so Kennel, habe sie die Zeit während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Entbehrungen und Beschränkungen und der damit verbundenen Frage nach Entwicklungsmöglichkeiten beschäftigt.

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Odile Kennels Roman ›Was Ida sagt‹ setzt sich dabei nicht nur inhaltlich mit einem Leben in Frankreich zu Zeiten der deutschen Besatzung auseinander, sondern projiziert die Verflechtung der beiden Länder auch auf die sprachliche Ebene.
Die Halbfranzösin gibt ihren französischen Protagonisten eine deutsche Stimme, lässt sie dann und wann nach dem richtigen Wort in der Mutter- oder der Fremdsprache suchen. Die Autorin beschreibt damit eine Suche, die sie beim Schreiben selbst erlebt hat und die diesen Roman vielleicht gerade deswegen so authentisch macht.

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Ebenso natürlich wie das Spiel mit den Sprachen wirkt der Aufbau des Romans.

Eigentlich wollte Odile Kennel einmal ausprobieren, wie man einen »Roman von A nach B« schreibt, doch stellte sich dies bald als ein für sie nicht gangbarer Weg des Romanschreibens heraus. Nicht zuletzt, weil ihre Figuren nicht schon von Anfang an feststanden, sondern teilweise erst sehr spät an die Tür klopften.

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Aus der Perspektive dreier Frauen setzt sich puzzleartig das große Ganze zusammen, ohne dass eine von den dreien den Überblick über die ganze Geschichte innehat.
Alleine dem Leser ist es vorbehalten, die Geheimnisse der Familie nach und nach zu entdecken. Anders als Paulette, Ida und Louise kann er dadurch Verständnis für das oftmals gegeneinander gerichtete Verhalten der drei Frauen aufbringen. Denn auch Verrat, Geheimnisse, Schweigen und Warten haben im Angesicht von Liebe und Enttäuschung ihre Berechtigung.

Artikel und Interview: Marianne Bohl, dtv

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