Sándor Lénárd: Dschungel-Apotheker, Winne-the-Pooh-Übersetzer und ewiger Verbannter

Eine biografische Notiz von Ernő Zeltner

Sandor Lenard

Sándor Lénárd, geboren 1910, wuchs in Österreich auf und studierte Medizin in Wien. 1938 flieht er vor dem Nationalsozialismus nach Rom, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten oft mühevoll über Wasser hält. Diese Zeit inspiriert ihn zu seinem Roman ›Am Ende der Via Condotti‹. Im Nachwort des Buches erzählt der Übersetzer Ernő Zeltner vom weiteren Lebensweg des Autors: davon, wie er in einer Quizshow das Geld für eine »Dschungel-Apotheke« ergattert, wie er mit der lateinischen Übersetzung von ›Winne-the-Pooh‹ zum Bestsellerautor wird … und davon, wie er für den KZ-Arzt Joseph Mengele gehalten wird.

Biografische Notiz von Ernő Zeltner

Der unselige Krieg ist zu Ende, die Scherben der Mussolini- Herrschaft werden zusammengekehrt. Wie soll es nun weitergehen? Lénárd muss jetzt für zwei und bald für drei sorgen. Seine Diana wird ihm Anfang 1946 einen Sohn gebären, den sie nicht zufällig Giovanni Sebastiano taufen. Lénárd traf Diana 1942 in einem Verlag in Rom, wo sie nach Abschluss ihres Universitätsstudiums als Sekretärin arbeitete. »Bald einmal«, heißt es in seinen Aufzeichnungen, »kam sie in mein Dachatelier in der Via Babuino und blieb bei mir…« Heiraten konnte er Diana, die aus einer piemontesischen Adelsfamilie stammende Andrietta Di Gattinara, wegen der noch fehlenden Papiere zur Scheidung seiner ersten Ehe erst 1950. Der Alltag in den schwierigen Nachkriegsjahren verlangte der jungen Familie manches ab. Lénárd, jetzt Haupternährer, war mit all seinen Talenten gefordert. Er nutzte seine Kenntnisse und jede Gelegenheit zum Brotverdienen, betätigte sich als Heiler, Fremdenführer, Übersetzer und nutzte schreibend und musizierend auch seine musische Veranlagung. Aber die instabilen politischen Verhältnisse im Land und der sich zuspitzende Ost-West-Konflikt trugen wohl dazu bei, dass Lénárd für sich und die Seinen auf Dauer in Italien keine Zukunft sah. Waren es nun bessere berufliche Möglichkeiten, die ihm Bekannte und auch Landsleute aus Übersee signalisierten, oder die labile politische Lage im Nachkriegseuropa – Neugier und Abenteuerlust allein dürften gewiss nicht die Gründe für den Aufbruch in die Neue Welt gewesen sein.

Sandor Lenard

Am 15. Februar 1952 gehen die Lénárds nach einer vierzehntägigen Schiffsreise in Rio de Janeiro an Land. Damit beginnt ein weiteres Kapitel der Lebensgeschichte des Autors. Lénárd findet bei einer französisch-brasilianischen Unternehmung in der Bleimine eine Anstellung als Feldscher, wiewohl er dort außer für Unfallchirurgie auch für Geburtshilfe, Kinderkrankheiten, Krankenpflege und ein Dutzend weiterer Tätigkeiten, etwa die Diagnose und Behandlung seltener tropischer Krankheiten, zuständig ist. Da er siechen, bleivergifteten Mineuren gelegentlich nahelegt, schleunigst Beruf und Wohnort zu wechseln, wird er dort schon nach einem Jahr entlassen. Darauf verdingt er sich von 1953 bis 1956 bei dem Chirurgen Dr. Egberto Silva in São Paulo als Assistenzarzt. In diese Zeit fällt ein für sein weiteres Leben sicherlich nicht unwichtiges Ereignis: 1955 strahlt der Fernsehsender in São Paulo jeden Mittwochabend eine der damals überall beliebten Quizsendungen zu vielen Wissensgebieten aus. Ihr Name »O céu é o limite« (nach oben sind keine Grenzen gesetzt) verheißt eine quasi grenzenlose Gewinnsumme. Lénárd meldet sich mit dem Spezialgebiet »Johann Sebastian Bach« als Teilnehmer an. Er gewinnt mit der durchweg korrekten Beantwortung selbst 339 kompliziertester Fragen zu Leben und Werk des Komponisten 200 000 Cruzeiros und löst in Brasilien eine wahre Bach-Renaissance aus. Dieser nicht nur für seine Verhältnisse stattliche Gewinn ermöglicht ihm den Bau eines Hauses in der klimatisch günstigeren Region im Tal von Blumenau (im südbrasilianischen Santa Catarina) und die Einrichtung seiner »Dschungel-Apotheke«.

Auch eine weitere, allerdings viel weniger angenehme Episode in Lénárds Lebens soll nicht unerwähnt bleiben: 1968 verbringt er zwei Mal längere Zeit in den Vereinigten Staaten, und zwar in Charleston, South Carolina, wo er in einem College Latein und Altgriechisch unterrichtet.Während dieser Zeit ereignet sich der höchst ärgerliche Mengele-Skandal, der für große Aufregung sorgte.

»Es wird nicht allzu vielen Menschen das Erlebnis zuteil, dass sie die Nachricht von ihrer eigenen Ermordung in denWochenblättchen lesen […] Ich gehöre zu diesen Auserwählten und erfuhr es aus der Neuen Revue, dass ich nicht der Ungar Alexander Lénárd, seit September 1968 Professor für klassische Philologie in Charleston, bin, sondern in Wahrheit Joseph Mengele, der berüchtigte Mörder von Auschwitz; ferner, dass ich nicht lebendig bin, sondern tot.«

… schreibt Lénárd in der Stuttgarter Zeitung vom 29. Januar 1969. Zu dieser sich über Kontinente verbreitenden Zeitungsente war es folgendermaßen gekommen: Ein 1938 nach Südamerika ausgewanderter Österreicher namens Erich Erdstein versuchte nach verschiedenen beruflichen Misserfolgen sein Glück als Nazijäger. Bei einem Aufenthalt in Santa Catarina erfuhr er, dass dort ein Mann einsam in seinem Holzhaus lebe, er habe reichlich Geld, schreibe Bücher und verschwinde von Zeit zu Zeit auf geheimnisvolle Weise. Auch spreche er Deutsch, müsse also ein Deutscher sein. Zudem bekomme er Besuch aus São Paulo und aus Rio! Das könne nur ein wichtiger Mann wie Bormann oder Mengele sein! Ist er nicht auch Arzt? Ja, das ist der Beweis: Er muss Mengele sein!

Doch der Reihe nach: Gleich nach dem Jahreswechsel 1967/68 berichtete die angesehene und vielgelesene Zeitung O Estado de São Paulo auf der Titelseite in riesigen Lettern:

»Die Polizei von Parana hat nun endlich den seit zwei Jahrzehnten auf der ganzen Welt gejagten und gesuchten Massenmörder von Auschwitz, Dr. Joseph Mengele, entdeckt, der kein anderer ist als ein gewisser Arzt namens Alexander Lenhart [sic], der nur wenige Stunden von der Stadt Blumenau entfernt im Tal Dona Emma lebt … die Beweise sind untrüglich.«

Die Telefone liefen heiß, unzählige empörte Leser, Bekannte, Landsleute protestierten, sodass Lénárd schon in der Nachmittagsausgabe des Estado, im Jornal da Tarde rehabilitiert werden musste. Dieser Erdstein, wie Lénárd Emigrant aus Europa und über Uruguay nach Brasilien gekommen, soll in einer Papierfabrik gearbeitet haben, danach betrieb er einen Kaffeekiosk, machte sich aber auch bei der für Ausländer zuständigen Polizeibehörde als Dolmetscher und Übersetzer nützlich. Ausgestattet mit einem behördlichen Ausweispapier begann er seine Karriere als Nazijäger. Nach der misslungenen Aufdeckung im Fall Lénárd war besagter Erdstein auch ehemaligen Nazigrößen in Nord-Paraná auf den Fersen, wo er sich bei deutschstämmigen Einwohnern als Berichterstatter des Spiegel ausgab und diverse Sensationen produzierte. Seine Spur führte dann über Montevideo und Asunción nach London. Hier überraschte er die Leser des Klatschblatts The People mit der Story, wie er Dr. Mengele endlich aufgespürt und auf der Stelle erschossen habe, wie die Leiche im Paraná-Fluss, wo es von Piranhas und Alligatoren nur so wimmelt, dahintrieb und vermutlich nicht sehr weit kam. Die brasilianischen Behörden meldeten sich umgehend mit offiziellen Dementis, hinzu kam die negative Stellungnahme des prominentenWiesenthal- Instituts für Holocaust-Studien in Wien.

Wie aus seiner umfangreichen Korrespondenz in alle Welt, seinen Buchveröffentlichungen und den regelmäßig erscheinenden Beiträgen in verschiedenen Zeitschriften hervorgeht, hat Lénárd schließlich in seinem »unsichtbaren Haus« am Rande des Urwalds die Erfüllung seines Lebenstraums gefunden – als Arzt, Gärtner, Schriftsteller, Musiker und Lebensphilosoph. Sein bei Weitem einträglichstes Opus sollte seine Übersetzung von A. A. Milnes Kinderbuch ›Winne-the-Pooh‹ ins Lateinische werden – 1960 stand das Buch zwanzig Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Als er am 13. April 1972 nach einem Herzinfarkt starb, erfuhr man, dass dem schon mehrere Gehirnschläge vorausgegangen waren; Lénárd war also auf sein baldiges Ende vorbereitet. Seine Vorsorge ging so weit, dass er eine von ihm selbst verfasste und illustrierte Todesanzeige in fünf Sprachen zur Versendung bereit hinterließ. Bei Lénárds Beisetzung, an der die gesamte Einwohnerschaft von Dona Emma teilnahm, wurde auf seinen Wunsch die h-Moll-Messe von Bach gespielt. Seine letzte Ruhestätte nahe dem »unsichtbaren Haus« unter von ihm gepflanzten Bäumen hatte er selbst ausgewählt.

© Fotos: privat

 

Erhältlich als Hardcover und eBook

Sándor Lénárd
Am Ende der Via Condotti
Sándor Lénárd
Am Ende der Via Condotti

 

 

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