Schrecklich schöne Arbeitswelt

Literarische Satire

Liebe Leserin, lieber Leser,

gehören Sie zu den Glücklichen, die sich noch jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett quälen dürfen? Die schnell im Stehen ein Glas Orangensaft herunterstürzen und dann ins Büro hetzen? Dort brauchen Sie erst mal einen starken Kaffee, um auf Touren zu kommen und die Scherze des gut gelaunten Zimmerkollegen zu ertragen.

Herzlichen Glückwunsch – wir hoffen mit Ihnen, dass es noch lange so bleibt!

Die Zeiten stehen schlecht, da greifen Arbeitgeber schon mal zu ungewöhnlichen Mitteln. Stellen Sie sich vor, Sie erhielten von Ihrem Personalchef eines Morgens einen Brief, so höflich wie diesen. Darin erkundigt er sich nach Ihrem Befinden, Ihrer Gesundheit und Ihrer Familie. Dann verbreitet er sich im Plauderton über die schöne gemeinsame Zeit im Unternehmen und das zuletzt erfolgreich gestemmte Projekt. Und auf Seite drei kündigt er Ihnen. Nur zu Ihrem Besten, versteht sich. Schließlich waren Sie von Anfang an überqualifiziert. Und Sie wollten doch schon immer mehr Zeit für Ihre Familie/Haustiere/Pflanzen/Hobbys etc. haben.

Ein Kündigungsbrief muss ein Werk der Empathie sein, sagt der Verkaufsleiter in Andrea Bajanis Roman ›Mit herzlichen Grüßen‹: »Zuneigung, Dankbarkeit, Sympathie, Bedauern, Verlegenheit und die tiefe Solidarität sollten unbedingt durchklingen, ja, geradezu ins Auge springen bei solchen scheinbar – aber eben nur scheinbar – so kühlen Scheidungspapieren.« Der Verkaufsleiter liebt und kultiviert den persönlichen Kündigungsbrief. Bis er selber gehen muss. Nun gilt es, die vakante Stelle zu besetzen. Natürlich nur intern – damit keine neuen Kosten entstehen. Der Erzähler und seine Kollegen absolvieren einen psychologischen Eignungstest für diese verantwortungsvolle Aufgabe: »Der Test war nicht schwer, sie beobachteten einen und fragten, was man sich denn schreiben würde, wenn man sich selbst entlassen müsste. Dann erzählte man, was man, falls man beschlossen hätte, sich selbst zu entlassen, sich selbst schreiben würde, und sie sahen einem in die Augen und sagten, was sie darin lesen konnten.« Der Erzähler macht seine Sache gut. Er verweist auf die ungünstige Konjunktur, bringt sein Mitgefühl zum Ausdruck, verdrückt ein Tränchen auf dem Papier – und setzt sich mit dem richtigen Maß an Sensibilität, Empathie, Herzlichkeit und Standfestigkeit gegen seine Mitbewerber durch.

Die Perfektion, mit der er seine in der Prüfung unter Beweis gestellten Qualitäten tatsächlich anwendet, überrascht sogar seinen Chef: Honigsüß, aber knallhart feuert er einen älteren Mitarbeiter ebenso wie eine aufopferungsvolle Sekretärin. Eine Kollegin im Rollstuhl setzt er an ihrem Geburtstag vor die Tür. Fortan wird er der ›Killer‹ genannt – und während er in der Gunst des Personalleiters immer weiter steigt, beginnen seine Kollegen ihn zu fürchten, und dann …

Sie wollen wissen, wie es weitergeht? Dann haben wir eine gute Nachricht für Sie: Wegen privaten Surfens während der Arbeitszeit sind Sie hiermit gekündigt. Fristlos. Uns trifft der Verlust schmerzlich – beruflich und menschlich. Aber Sie haben nun endlich genügend Zeit zum Lesen. Wir wünschen Ihnen viel Spaß dabei.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Personalabteilung

 

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Andrea Bajani: Mit herzlichen Grüßen, dtv premium

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