Sorj Chalandon: Die Legende unserer Väter

Von der Wahrheit der Wörter

Ein Widerstandskämpfer, der seinem Sohn nichts erzählte, und ein alter Mann, der sich seiner Heldentaten rühmt: In dem ausgezeichneten Roman ›Die Legende unserer Väter‹ lotet der französische Schriftsteller und Journalist Sorj Chalandon den Grat zwischen Wahrheit und Lüge, Erinnerung und Geschichtsschreibung aus.    

»Ich habe meinen Vater verpasst«, sagt Marcel Frémaux. »Ich habe es versäumt, ihn zu bestürmen, ihn zu befragen, seine Erinnerungen einzufahren. Ich habe als Sohn versagt.« 27 Jahre alt war Frémaux, als sein Vater 1983 vor Kummer über die Erblindung seines älteren Sohnes starb. Mit Lucas, dem Lieblingssohn, sprach der Vater über gewichtige Dinge, erzählte ihm von seinem Widerstand im Krieg, »von ungeahnten Gefahren, vom Kampf, von seinem Spaß daran.« Für den zehn Jahre jüngeren Marcel machte er nur Schattenspiele an der Wand – und brachte ihn dann zu Bett. »Ich habe eine Seite unserer gemeinsamen Geschichte überschlagen«, bedauert der Sohn Jahre später. So war es wohl auch dieser tief empfundene Mangel, der Frémaux nach Stationen als Lehrer und Journalist den Beruf des Biographen ergreifen lässt.

Die Legende unserer Väter‹ erforscht die Wahrheit der Wörter

Frémaux schaltet Anzeigen in Gratiszeitungen und ermutigt Menschen, sich wichtig zu nehmen: Sie erzählen ihm aus ihrem Leben, und er verwandelt ihre Geschichten in einen Roman. Seine Rolle als Biograph nimmt Frémaux ernst; jeder seiner Aufträge ist eine Begegnung, ein vertrauensvoller Austausch, in dem Geheimnisse hervorgekramt werden. Er schreibt akribisch mit, behält jedes Detail im Blick: »Man sollte, erläuterte ich, sogar das Muster des Wachstuchs auf dem Küchentisch kennen, wenn man eine Geschichte erzählen wolle. Ich müsse die Bewegungen hören und die Worte sehen können. Je mehr Farben und Töne ich hätte, desto lebendiger werde das Buch.« Ob ihm seine Kunden die Wahrheit erzählen, interessiert Frémaux nicht – Hauptsache, es entsteht ein gutes Buch. Bis er im Sommer 2003 den 83-jährigen Tescelin Beuzaboc trifft.

Sorj Chalandon über den Schmerz der Erinnerung

Beuzaboc, dessen Tochter die Idee zu dem Buch hatte, lässt sich nur zögerlich auf das Projekt ein. Und tatsächlich werden die wöchentlichen Sitzungen im sommerlich heißen Lille zur existenziellen Erfahrung – für den alten Mann ebenso wie für seinen Biographen. Denn während Beuzaboc von seinen Erlebnissen als Résistance-Kämpfer erzählt, steigen in Frémaux Erinnerungen auf: »Seit unserem ersten Treffen musste ich an meinen Vater denken. Ständig. Er sprach durch die Stimme und den Blick des alten Mannes.« Frémaux setzt sich auf Beuzabocs Spur, als ob dieser sein Vater wäre. Er beschließt, dass die Biographie seine schönste werden solle, »dieses Buch das größte«. Um Beuzabocs Schilderungen mit Daten und Fakten zu untermauern, stellt er eigene Recherchen an – und stößt auf Ungereimtheiten: Beuzabocs Schilderungen stimmen mit der Geschichtsschreibung nicht überein. Frémaux beginnt zu zweifeln, an Beuzabocs Wahrheit, aber auch an seiner Aufgabe als Biograph und seiner Verantwortung gegenüber der Wahrheit. »Es war meine Rolle, jeden Satz für wahr zu halten«, lautete bislang sein Credo: »Ich war kein Journalist mehr, kein Historiker und schon gar kein Richter.« Doch auf einen Fall wie diesen war Frémaux nicht vorbereitet …

Tina Rausch, freie Journalistin

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