Memoir: Spiegelverkehrtes Wunder

Darf man das?, fragt man sich leicht schockiert bei der Lektüre – und ertappt sich im nächsten Moment beim Schmunzeln. Jean-Louis Fournier erzählt von seinem persönlichen »Weltuntergang im Doppelpack«, dem Leben mit zwei behinderten Kindern.

Jean-Louis Fournier: Wo fahren wir hin, Papa?, dtv premium

Dass ›Wo fahren wir hin, Papa?‹ seit seinem Erscheinen 2008 in Frankreich für Diskussionen sorgt, liegt an dem ungewöhnlichen Ton, den Fournier anschlägt: Er entschuldigt sich im ersten Kapitel bei Thomas und Matthieu dafür, dass er ihnen kein guter Vater war, und schreibt sich dann alles »Ungesagte von der Seele«.
Fournier bezeichnet die Geburt seiner Söhne als »spiegelverkehrtes Wunder«; er vergleicht sie mit E.T., zerbeulten Kobolden, zerzausten Spatzen und schlaffen Stoffpuppen, bedauert, dass sie nur Stroh im Kopf hatten und gibt zu, dass er sie manchmal gerne aus dem Fenster geworfen hätte. »Wenn man so ein Geschenk bekommt, möchte man dem Himmel am liebsten zurufen: ›Ach! Das wäre doch nicht nötig gewesen …‹«

›Wo fahren wir hin, Papa?‹ ist das Bekenntnis eines Vaters, der seine behinderten Söhne liebt, sich aber andere gewünscht hat. Und das offen zugibt. So berichtet Fournier von verzweifelten Momenten, in denen er Thomas und Matthieu mittels magischem Denken in ganz normale Jungs zu verwandeln sucht. Als ihm ein Spielwarenverkäufer einen kleinen Chemiebaukasten als Weihnachtgeschenk empfiehlt, phantasiert Fournier einen »›kleinen Kamikaze‹ mit einem Sprengsatzgürtel, um das Problem endgültig aus der Welt zu schaffen …«.

Diese entwaffnende Offenheit berührt, irritiert – und gefällt nicht jedem. Auf dem Online-Portal vorablesen.de wird ›Wo fahren wir hin, Papa?‹ kontrovers besprochen. Während die einen Fourniers Mut, Ehrlichkeit und Liebe zu seinen Söhnen bewundern, unterstellen ihm andere Selbstmitleid und Zynismus. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Leerstellen in dem Buch. Fournier gibt seine zwiespältigen Gefühle zu den Söhnen schonungslos preis, bleibt er hinsichtlich anderer Details aus seinem Leben erstaunlich zugeknöpft. Vorzuwerfen ist ihm dies indes nicht. Schließlich ist ›Wo fahren wir hin, Papa?‹ kein Roman, sondern ein persönliches Memoir. Der Autor führt den Leser mitten hinein in seine Gedanken – behält sich aber das Recht zu schweigen vor.

Im Herbst 2008 erhielt Fournier den Prix Femina, eine der höchsten literarischen Auszeichnungen Frankreichs. Er bezeichnete dies als schöne Rache, nachdem er bislang zu nichts taugte. Auf die Frage, wie lange er den Gedanken, über seine Söhne zu schreiben, mit sich herumtrug, meinte der 71-Jährige: »Ich hatte schon lange die Idee, ›Eine Geschichte für meine Kinder, die niemals lesen werden können‹ zu schreiben. Der wahre Grund für dieses Buch aber ist: Ich musste es schreiben, weil ich biologisch abbaubar bin.«

Tina Rausch

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.