Helene Mierscheid: Über ›Vokuhila‹

Teil 1 – der Anfang

0214_001

Wir sind die Generation unsichtbar. Die Babyboomer. Wir sind die von 1955-1965 geborenen – so in etwa. Wir haben die 80er Jahre geprägt. Uns zeichneten verschiedene Eigenschaften aus: Wir waren nicht nur sehr viele, wir waren in unserer Jugend auch nicht sehr individuell und wir waren uninteressant. Deshalb trugen wir Jeans und Parker, so wurden wir noch unsichtbarer. Wenn wir Kritik übten, hieß es: »Geh doch rüber«. Damit war nicht die andere Straßenseite gemeint, sondern die DDR.

Alle Welt schaut heute auf die sogenannten »68er«. DAS waren die coolen Typen, die gegen den Staub von 1000 Jahren unter den Talaren ihrer Universitätsprofessoren Sturm gelaufen sind, die die Unis besetzt haben, ihre Eltern mit deren Nazivergangenheit konfrontierten. Die waren cool, die waren hipp und sie waren auch gefährlich, wenn man an die Bewegung 2. Juni oder die Bader-Meinhof-Bande denkt.

Mit ihnen hat sich die Gesellschaft auseinandergesetzt. Mein Opa wollte sie an die Wand stellen, es wurde mit Stuttgart-Stammheim sogar ein besonderes Gefängnis gebaut. Diese tollen Typen waren aber auch widersprüchlich. Sie haben sich mit Kaufhausbränden gegen den Konsumwahn gestellt, sind aber schicke Autos gefahren, so wie Andreas Bader.

Dann kam die Flower-Power. Love, Peace und Happines und all das stets freundlich umweht von Cannabis in allen Formen. Lange Haare, Sandalen, Gurus und der Weltfrieden. Das Ganze wurde nur ein bisschen gestört durch den Krieg in Vietnam, gegen den sich natürlich auch die 68er stemmten.1978

Und dann kamen wir, die geburtenstärksten Jahrgänge, was eine Folge von zu wenig Fernsehprogrammen und kalten Wintern war.

Wir durften alles ausbaden. Wir lebten im Schatten der Bombe, wir erlebten die erste ernsthafte Massenarbeitslosigkeit der Nachkriegszeit. Wir hatten nicht die automatische Aussicht auf einen guten Job. Wir wussten noch nicht einmal, wie lange unsere Lebenserwartung sein würde, da ja alle Atombomben auf uns gerichtet waren

Wir sind die Generation »uncool«. Über uns wird gelästert. Wir wären brav und angepasst, wir sind die Generation »Golf«, die sich nur an lauer Popmusik und viel Konsum festhält.

Darüber habe ich nachgedacht und es hat mich geärgert. Wir waren vielleicht nicht so interessant, dafür waren wir aber politisch korrekt – meistens jedenfalls. Wir Frauen hatten endlich eine Stimme in der Gesellschaft und waren nicht mehr nur der pamphlet-tippende »Nebenwiderspruch des Kapitalismus«.

Wir haben das Studium nicht ernster genommen als wir mussten, wir haben uns die Zeit genommen, über die Gesellschaft nachzudenken. Wir mussten außerdem alles noch aus Büchern lernen – das dauert.

Wir 0219_001waren diejenigen, die die Volkszählung verweigert haben, weil wir nicht wollten, dass der Staat so viele Daten über uns sammelt. Wir haben die größten Friedensdemonstrationen organisiert, bei denen es friedlich zuging. Wir sind aufgestanden gegen die Startbahn West, gegen die Atomkraft und für den Frieden.

Und heute? Was ist mit dem Datenschutz passiert?

Heute kann ich fast jeden aufspüren und alles über ihn erfahren. Wir sind heute smartphonegesteuert. Die Telefone wissen mehr über uns als unsere Eltern. Aber wir kommunizieren auch fast nur noch mit diesen Datensammlern statt miteinander.

Wir hatten früher gerade mal ein Telefon mit Kabel dran und Wählscheibe. Ich habe mich immer bei der letzten Nummer verwählt. Deshalb war ich Single.

Vokuhila‹ erzählt über meine Generation. Eure Eltern, vielleicht schon Großeltern. Damit Ihr endlich versteht, warum wir so hässliche Fotos haben.

Eure Helene

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.