Vanessa Roggeri:
Das wilde Herz des Wacholders

Nuraghe di Ianetta
Diese Nuraghe nahe ihrer Heimat hatte Vanessa Roggeri vor Augen, als sie in ihrem Roman ›Das wilde Herz des Wacholders‹ die Geschichte der Protagonistin Ianetta niederschrieb – die siebte und deshalb ausgestoßene Tochter der Familie Zara.

Denn die Sarden des späten 19. Jahrhunderts hielten an einem alten Glauben fest: Die siebte Tochter wird als Hexe geboren und bringt Unglück über die ganze Familie. Doch Ianetta klammert sich an das Leben wie der unbeugsame Wacholder, der auf kargem Boden dem sardischen Wetter trotzt. Einzig ihre Schwester Lucia bringt den Mut auf, in Ianetta ein menschliches Wesen zu sehen und ihr zur Seite zu stehen.

Wie alle Bewohner des Dorfes Baghintos fürchten sich die Kinder der Familie Zara vor der nahe gelegenen Nuraghe Marxani. Sie glauben, dass dort böse Geister wohnen. Gerade weil sich alle vor diesem rästselhaften Bauwerk fürchten, wählt Ianetta es als Zufluchtsort. Doch Lucia sorgt sich um ihre Schwester und stattet ihr einen Besuch ab:

»Der hohe und mächtige Turm aus längst vergessenen Zeiten sah mit seinen hellen, von gelben Flechten gefleckten Steinen aus wie ein riesiger Ofen, aus seiner Öffnung in der Spitze ragte die Krone einer uralten Eiche hervor gleich einem Schwall Rauch und Ruß. Ein paar Meter tiefer öffnete sich ein Maul, das ins Herz der Nuraghe führte. Es würde einigen Mut erfordern, um sich aus dem Licht über die Schwelle ins Dunkel zu wagen. Lucia hörte nur mehr ihr eigenes Keuchen, nicht mehr die Vögel und auch nicht die Grillen, die durch die Wipfel der Bäume sprangen. Alles war still, bis auf den Atemdes Windes unter den Schwingen eines Turmfalken am Himmel von Baghintos.

Plötzlich kam es Lucia vor, als entwickele das Laub der Eiche ein Eigenleben. Die dunklen Blätter bebten und zitterten, doch nicht aufgrund der Brise. Von dem merkwürdigen Phänomen angezogen, entdeckte die junge Frau, dass ein schweigsamer Krähenschwarm über die Nuraghe Marxani wachte. Sobald sie ihnen zu nahe kam, begannen sie zu lärmen und mit den Flügeln zu schlagen, flatterten in kleinen Runden um ihren offenbar bevorzugten Aufenthaltsort.«

Infografik Nuraghe
Ein Beispiel für eine Festungsanlage. Im Zentrum des Komplexes befindet sich der Mittelturm, darunter liegt der Kuppelraum. In den Außermauern des Mittelturms liegt die Wendeltreppe nach oben. Die drei Ecktürme bilden Wehrmauern (zum Vergrößern klicken)

Die Geschichte der Nuraghen

Die im Buch beschriebene geheimnisvolle Aura umgibt Nuraghen bis heute. Denn die moderne Wissenschaft kann noch nicht alle Fragen beantworten. Sicher ist: Nuraghen existieren ausschließlich auf Sardinien. Sie thronen über die ganze Insel verteilt gut sichtbar auf vorspringenden Felsen und Hügeln.

Nuraghe von innen
Der Aufgang im Inneren einer Nuraghe

Die nach den Bauwerken benannte Nuraghenkultur errichtete die Türme in der Bronzeit (zwischen 1855 und 238 v. Chr.) aus aufgeschichteten Steinblöcken, die ganze ohne Mörtel festsitzen. Im fensterlosen Innenraum erstreckt sich eine Kuppel zwischen 10 und 20 Metern hoch. Die Außenmauern verbergen in einem Hohlraum eine Wendeltreppe, über welche man in die oberen Stockwerke gelangt. Größere Nuraghen bestehen aus bis zu drei Stockwerken und sind zu komplexen Festungsanlagen ausgebaut.

Solch eine Anlage umfasst – ähnlich wie eine mittelalterliche Burg – Werkstätten, Zisternen und Brunnen. Das Quellwasser, so wird vermutet, könnte durch die vorherrschende Wasserknappheit eine religiöse Rolle gespielt haben.

Nuraghen sind die größten und technisch perfektesten Megalithbauten Europas. Noch Jahrtausende nach ihrer Erbauung kann man die Treppe in den meterdicken Mauern nach oben steigen und über den Zauber der bronzezeitlichen Baukunst staunen.

›Das wilde Herz des Wacholders‹ ist als Klappenbroschur und eBook erhältlich:

Vanessa Roggeri
Das wilde Herz des Wacholders
Vanessa Roggeri
Das wilde Herz des Wacholders

Baedeker Reiseführer SardinienInfografik sowie Informationen zu den Nuraghen aus:

Baedeker Reiseführer Sardinien, 2013

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