Was die Mode der Cazalet-Frauen erzählt

›Die Zeit des Wartens‹: Es geht stilvoll weiter mit Band 2 der britischen Kultserie

Mit ihrer sorgfältigen, detailreichen Erzählweise sorgt Elizabeth Jane Howard in ihrer fünfbändigen Cazalet-Chronik dafür, dass auch die Welt der Dinge plastisch wird. Die Schilderung der Kleidung der 1930er- und 1940er-Jahre in England ist da keine Ausnahme: Farben, Muster und Stoffarten werden den Leser*innen vor Augen geführt – und machen ganz nebenbei Zeitgeschichte fassbar.

»Villy stand fast wie in Trance. Das zarte Kleid schien sie in eine grazile, exotische Fremde zu verwandeln.« (Die Jahre der Leichtigkeit, S. 35)

Bei Besuchen im Geschäft von Hermione Knebworth investiert die modebewusste Villy, eine der zentralen Frauenfiguren in Band eins der Cazalet-Chronik, oft mehr in ihre Garderobe, als sie es sich eigentlich leisten kann. Schon während ihrer Zeit als Primaballerina bewegte sie sich in Kreisen, in denen Extravaganz mit Haut und Haaren gelebt wurde. Entsprechend des androgynen Ideals der Zwanzigerjahre schnürte Villy ihre Brüste flach – und bereut es im Nachhinein. Denn die 30er-Jahre waren geprägt von einer Rückkehr zu betont weiblichen Formen: Taillen wurden schmaler, Brüste und Schultern wurden akzentuiert, ausfallende Röcke umspielten die Beine bis zum Knie; in der Abendgarderobe orientierte man sich an den Hollywoodschönheiten, griff auf fließende Stoffe und Kurven betonende Schnitte zurück. Unglücklich in ihrer Ehe mit Edward, findet Villy Halt in einer Mode, die mit ihrem Glamour ebenfalls von der Realität eines Landes ablenkt, das mit den Folgen des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise zu kämpfen hat.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kamen jedoch Einschränkungen, die auch maßgeblich die Mode der  britischen Frauen betrafen. Diese Veränderungen lässt Howard  in Band zwei der Cazalet-Chronik, ›Die Zeit des Wartens‹, anklingen.

»Gestern sind die Kleidermarken gekommen. Polly hat Glück, weil Tante Syb ihr letztes Jahr viel Garderobe gekauft hat und meterweise Stoff, um ihr selber Sachen nähen zu können.« (Zeit des Wartens, S. 417)

Im Zuge von Rationierungen mussten Frauen erfinderisch werden und die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes selbst in die Hand nehmen. Der Ausdruck »make do and mend« wurde zu einem geflügelten Wort: Man schneiderte sich Kleider selbst oder schaffte aus Altem Neues. Frauenmagazine, die trotz der Bombenangriffe weiter publizierten, legten ihren Fokus daher auf Tipps und Tricks für die anpackende, modische Frau, und wollten auf diese Weise auch deren Kampfgeist  unterstützen. Die zweite weibliche Generation der Cazalets, die Cousinen Louise, Polly und Clary, verkörpern dies mit ihrer Lebensfreude und Hoffnung, sich allen Umständen zum Trotz ganz ins Leben zu stürzen.

Elizabeth Jane Howard
Die Jahre der Leichtigkeit
Elizabeth Jane Howard
Die Zeit des Wartens

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