Wer Ja sagt, muss auch Onkel Horst einladen

Ein Beitrag von Lisa Seelig

Theresa Selig ist der jetzt.de-Username von Lisa Seelig.

Warum man überhaupt heiratet? Darauf hat die Autorin die bestmögliche Antwort:

»Eine große Party und die Liebe: Das sind zwei richtig gute Gründe fürs Heiraten, finde ich.«

Heiraten, da bin ich mir mittlerweile aus eigener Erfahrung sicher, gehört zu den großartigsten Dingen, die man im Leben so tun kann. Eine Hochzeit ist toll, aber niemals entspannt. Weil die eigene Hochzeit Monate vor ihrem Termin zu einem Fantasiegebilde zurechtgebastelt wird, von dem völlig klar ist, dass es in der Realität nicht überlebensfähig sein wird. Allein schon aus Budgetgründen.

Die Illusionen gehen ja schon mit dem Antrag los. Meine Illusion vom Heiratsantrag sah exakt so aus wie jener Werbespot von Tiffany, der im vergangenen Dezember auf jeder amerikanischen Website, die ich besuchte, platziert war, und den ich jedes Mal anklickte und mit feuchten Augen ansah:

Zu den sanften, höchst romantisch-dramatischen und heimelig-weihnachtlichen Klängen von „Carol of the bells“ sieht man ein Modelpaar in New York (sieht zumindest aus wie New York), auf den Stufen eines prachtvollen Townhouses stehen. Man sieht  schmiedeeiserne Schnörkelgitter und Buchsbäumchen, auf die sich dicke Schneeflocken gesetzt haben.

Die sehr blonde Modelfrau trägt ein entzückendes Kamelhaarmäntelchen, einen weißen Hauch aus Seide oder so was in der Art drunter, natürlich viel zu kalt für die Jahreszeit, aber egal. Der Modelmann, der einen Anzug trägt und glänzendes, gewelltes Haar, geht vor ihr auf die Knie, und zückt diese typische kleine türkise Tiffany-Schachtel mit der weißen Schleife, sie macht einen sehr gekonnten „What? I cant´t believe it! I am SO surprised“-Gesichtsausdruck und fällt ihm um den Hals, wobei sie ihren grazilen Unterschenkel galant anwinkelt und ihren zarten Fuß, der in einem cremefarbenen Christian Louboutin-Pump steckt, in die Luft wirft.

Nachdem ich das zum ersten Mal gesehen hatte, begab ich mich umgehend auf die Internetseite von Tiffany, um mir einen Verlobungsring auszusuchen, bei Tiffany gibt es da einen tollen Service, man klickt sich so durch, wählt Form des Steins, Schliff, Gold oder Platin… mein Verlobungsring, ganz schlicht, mit einem kleinen aufgesetzten Stein, ganz süß, kostete 8000 Dollar.

Und spätestens hier kehrte ich unsanft in die Wirklichkeit zurück. Ich bin längst verlobt, ich bin auch längst verheiratet. Mein Heiratsantrag hatte zwar prinzipiell durchaus romantisches Potential, er ereignete sich auf einer kleinen Mauer mit Blick auf den Gardasee, allerdings war ich einer Fischvergiftung nah und der Verlobungsring ein Erbstück, nämlich der Verlobungsring meiner jetzigen Schwiegermutter, die offensichtlich über zartere Finger verfügt als ich, weshalb sich der Ring weigerte, über die dicke Mitte meines Ringfingers zu gelangen. Ich hab später noch einen alltagstauglichen Verlobungsring gekriegt, der kostete 69,90 Euro.

Irgendwann, hat mein Mann mir versichert, wenn er mal viel Geld haben sollte, krieg ich einen richtigen.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen eben auseinander, weil man so riesige Erwartungen hat. Diese perfekte, glatte Wohlfühl-Werbefilm-Atmosphäre, wie ich sie beim ehrfurchtsvollen Durchblättern von Hochglanz-Brautmagazinen immer bestaunt habe, die gibt’s auf der eigenen Hochzeit einfach eher nicht. Dafür sind zu viele brüllende Kleinkinder, überambitionierte Trauzeugen, abschweifende Brautväter, betrunkene Patenonkel und schlüpfrige Jugendfreunde anwesend. Man wird nicht hundertprozentig verhindern können, dass Trauzeugen auf dumme Ideen kommen, Patenonkel sich im Ton vergreifen, die Rede der Schwester Fidel Castro-Ausmaße annimmt. Und bei der Rede des Vaters kann es durchaus vorkommen, dass die Luft nicht voller Geigen hängt und die Leute ihr Taschentuch zücken, um eine kleine Träne der Rührung zu vergießen, wie es sich gehört, sondern dass sie sich den Bauch halten vor Lachen, weil er demütigende Anekdoten aus den Teenagertagen der Braut zum Besten gibt.

Das macht aber nichts. Das gibt dem Fest erst die richtig Würze. Und das kann man von der gelassenen und heiteren Seite sehen, wenn man am besten schon im Laufe der Vorbereitungen akzeptiert, dass das eigene Leben nicht wie ein Tiffany-Spot aussieht. Das fängt allein schon damit an, dass man für einen einzelnen Christian Louboutin-Pump einen nicht unerheblichen Prozentsatz des eigenen Monatsgehalts investieren müsste. Ich trug bei meinem Heiratsantrag übrigens lila-orange gestreifte Flipflops.

Lisa Seelig

 

Theresa Selig: Wer Ja sagt, muss auch Onkel Horst einladen

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