Bernhard Robben: Wortspiele und Stimmensuche

Zur Übersetzung von Tom Rachmans ›Aufstieg und Fall großer Mächte‹

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Erzählt wird die Lebensgeschichte von Mathilda Zylberberg, genannt Tooly, und zwar auf drei Zeitebenen, die erste zeigt sie als Neunjährige in Bangkok in Begleitung eines älteren Mannes namens Paul, einem Computerspezialisten. Auf der zweiten Zeitebene steht Toolys 21. Geburtstag unmittelbar bevor. Sie lebt in New York, wiederum mit einem älteren Herrn zusammen, doch handelt es sich diesmal um Humphrey Ostropoler, offenbar einem Russen, der mit ihr über Gott und die Welt, über Politik und Philosophie debattiert. Auf der dritten Zeitebene lebt und arbeitet Tooly als Buchhändlerin in Wales.

Das erste Problem, das sich mir beim Übersetzen stellte, war die Frage nach der Kontinuität der Stimme, des Tons: Dieselbe Person spricht auf den drei Zeitebenen anders, wie also sorge ich sprachlich dafür, dass der Leser nicht den Eindruck hat, es mit drei verschiedenen Personen zu tun hat? Mit welchen Stilmitteln gelingt es dem Autor, den Leser davon zu überzeugen, dass die Stimme der naiven Neunjährigen, des flapsigen Teenagers und der zurückgezogen lebenden, sehr viel reflektierteren Erwachsenen ein und derselben Person gehört? Gibt es sprachliche Marker, die beibehalten werden? Als ich Tom Rachman in Berlin danach gefragt habe, war er ganz verdutzt. Das Problem, sagte er, habe sich ihm gar nicht gestellt. Er habe im Gegenteil versucht, die Stimmen so verschieden wie möglich zu gestalten und darauf vertraut, dass allein derselbe Name – Tooly – für den Zusammenhalt sorgt.

Wortspiele gibt es in diesem Roman zuhauf. Eines sei bespielhaft erwähnt. Tooly und Paul sitzen in einem China-Restaurant. Tooly will den Kellner rufen, Paul aber ist das unangenehm. Auf ihre Frage, wie sie denn sonst dafür sorgen sollen, dass die Bedienung an ihren Tisch kommt, antwortet Paul: »We wait. That’s why they’re called waiters

Das komplexeste Wortspiel findet zwischen Tooly und Humphrey statt, dem älteren Herrn, der mit russischem Akzent spricht. Dreimal werden durch den Akzent veränderte Wörter eingeführt, die eine gleichlautende Endung haben. Im letzten Beispiel wird das Thema aller Wortspiele zudem direkt angesprochen, nämlich Humphreys Unfähigkeit, etwas ›verbatim‹ wiederholen zu können. Zu diesem Wortspiel habe ich mehrere Kollegen angeschrieben. Einige gaben sich Mühe, andere waren plötzlich auf unbestimmte Zeit verreist, und Harry Rowohlt schrieb einen längeren Brief, der mit den netten, wenn auch nicht sonderlich hilfreichen Zeilen endete: »Ich könnte das Wortspiel natürlich übersetzen, zum Glück muss ich es aber nicht.« Allein zu dieser Stelle gibt es mehr als zehn Varianten, jene, die zur Veröffentlichung gelangte, lautet folgendermaßen:

Original:

Considering her swaddled in his bedcovers, Humphrey remarked, »You look like bear hyperbating for winter.«
»A bear doing what?«
»Hyperbating.«
»What is ›hyperbating‹? Sounds like a bear that can’t stop masturbating.«
»Don’t be disgusting pervert!«
»It’s a reasonable conclusion, Humph. There aren’t that many other words that end in ›-bating‹.«
»Plenty words end in ›-bating‹.«
»Like what?«
»Like . . . Like ›riverbating‹.«
»What is ›riverbating‹?«
»›Riverbating‹: when there is echo, you say it is riverbating.«
»›Reverberating‹,« she corrected him, »isn’t a word that ends in ›-bating‹.«
»Okay, I give you other.« He paused. »Here, I have it: ›verbating‹.«
»›Verbating‹?«
»When you speak something and I repeat it back same, then I am saying it verbating.«
»›Verbatim‹.«
»Yes, sure.«

Übersetzung:

Wie er sie so in seiner Bettdecke sah, meinte Humphrey: »Siehst aus wie Bär, der sich für den Winter einfummelt.«
»Ein Bär der was
»Sich einfummelt.«
»Wie? Einfummelt? Hört sich an, als wollte der Bär den ganzen Winter an sich rumspielen.«
»Nu red nicht so pervers.«
»Eine naheliegende Schlussfolgerung, Humph. Schließlich gibt es nicht viele Wörter, die auf -ummelt enden.«
»Gibt jede Menge mit -ummelt am Ende.«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel… ›trummelt‹.«
»Und was ist ›trummelt‹?«
»Wenn wer haut ganz schnell auf, wie heißt noch mal, auf Pauke?«
»›Trommelt‹ korrigierte sie ihn, »ist kein Wort, das auf -ummelt endet.«
»Okay, gebe ich dir anderes.« Er schwieg. »Hier, hab eins: ›Wummelt‹.«
»›Wummelt‹?«
»Wenn ich red und red, bis mir im Kopf alles durcheinander wummelt.«
»Wimmelt
»Ja, sag ich doch.«

Die Metaebene des Selbstbezugs fehlt im dritten Wortspielteil, doch ist das Übersetzen durchaus nicht immer ein Verlustgeschäft. Manchmal gewinnt man an unverhoffter Stelle hinzu, doch will ich es dem Leser überlassen, diesen Zugewinn für sich zu entdecken.

Von Bernhard Robben

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