Zibulsky oder Antenne im Bauch

Edgar Hilsenrath

Edgar Hilsenrath: Zibulsky oder Antenne im Bauch
In kurzen satirischen Episoden setzt sich Edgar Hilsenrath in ›Zibulksy oder Antenne im Bauch‹ mit den Verhältnissen in der Bundesrepublik und im geteilten Berlin auseinander. Er thematisiert dabei die Einsamkeit in der Großstadt und die Suche nach Identität ebenso wie die Berliner Mauer und den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Er lässt unter anderen Kriegswitwen, Beamte, Hausbesetzer, ehemalige SA-Männer und Gott zu Wort kommen. Für den deutsch-jüdischen Schriftsteller ist Zibulsky dabei Name und Synonym für jedermann, für jeden, der noch Fragen stellt und jeden, der keine Fragen mehr stellt. Jeder ist Zibulsky, alle sind wir Zibulsky.

Hilsenrath verzichtet auf komplexe Prosa und lässt den Leser statt-dessen Zeuge alltäglicher Gespräche werden. Durch diese Moment-aufnahmen begreift der Leser die deutsche Realität  – zu Recht – vielmehr als Absurdität denn als Normalität.

»Wo sind wir eigentlich?«
»Im Niemandsland.«
»Zwischen drüben und drüben?«
»Ja.«

»Wo wohnen Sie denn?«
»Am Alexanderplatz.«
»Ach so!«
»Und Sie?«
»Am Kurfürstendamm.«

»Wie heißen Sie denn?«
»Zibulsky«
»So heiße ich auch.«
»Zibulsky?«
»Ja.«

»Hören Sie mal, Herr Zibulsky.«
»Was ist denn?«
»Würden Sie mich totschießen?«
»Nur auf Befehl.«

Durch den ehrlichen, einfachen und unverblümten Ausdruck der Gesprächsparnter entlarvt er die deutsche Gesellschaft, die oftmals in der Schwebe zwischen Vergangheit, Gegenwart und Zukunft zu sein scheint. Gerade die ältere Generation steht bei Hilsenrath mit einem Fuß in der Bundesrepublik und mit dem anderen noch im Dritten Reich.
Auf ein Urteil kann Hilsenrath verzichten, da er seine Figuren fast ausschließlich für sich selbst sprechen lässt. Der höfliche, meist distanzierte Umgangston – auch in den prekärsten Situationen – macht die Verhaltensweisen seiner Charaktäre ebenso austauschbar wie allgemeingültig und zugleich grotesk. Die scheinbar banalen Gespräche entfalten dabei eine Tiefe und einen Witz, dem sich der Leser schwer entziehen kann und der ihn sowohl schmunzelnd als auch nachdenklich zurücklässt.

»Das sind Träume, Herr Zibulsky. Geben Sie’s doch zu, daß das alles nicht stimmt. Sie waren der Schwächste in der Klasse und trugen außerdem ’ne Brille. War es nicht so?«
»Ja, Herr Doktor.«
»Später, als Erwachsener, als Sie Beamter wurden, Beamter im Finanzamt, da konnten Sie ein bißchen Macht ausüben, aber nicht genug, denn auch dort gab es Stärkere?«
»Meine Vorgesetzten.«
»Und mit der Rache hat es auch nicht immer geklappt. Denn schließlich waren Sie an festgelegte Gesetze gebunden?«
»Leider.«

Die Satiren von Edgar Hilsenrath gleichen einem Puzzle. In ihrer Gesamt-heit eröffnen sie ein klares Bild der Gesellschaft, in der wie leben.
Entstanden sind sie zwischen 1978 und 1981 als konkrete Reaktion Edgar Hilsenraths auf die Störung und Boykottierung seiner Lesungen durch Neonazis, die daraufhin teilweise nur unter Polizeischutz stattfinden konnten.
Edgar Hilsenrath ist für seine Werke mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Unter anderen mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Lion-Feuchtwanger-Preis und dem Armenischen Nationalpreis für Literatur.

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