Sasha Abramsky: Das Haus der zwanzigtausend Bücher

Von Heimat, Büchern, Ideen- und Weltensammlern

Das Haus der zwanzigtausend Bücher

Sasha Abramsky lässt eine vergangene Epoche aufleben und setzt in ›Das Haus der zwanzigtausend Bücher‹ seinem bibliophilen Großvater Chimen Abramsky ein literarisches Denkmal.

»Die beste Definition der Heimat ist Bibliothek«, sagt Peter Kien, Sinologe und Besitzer einer fiktiven, mit 25 000 Büchern bestückten Privatbibliothek im Roman ›Die Blendung‹. Dessen 1994 gestorbener Autor Elias Canetti besaß selbst eine Bibliothek, die heute zu den wertvollsten Sammlungen der Literaturgeschichte zählt: Die über 18 000 Bände aus Canettis Zürcher und Londoner Bibliothek lagern im Magazin der Zentralbibliothek Zürich und sind seit 2002 in den Lesesaal bestellbar.

Die Bibliothek als Treffpunkt
Auch Lion Feuchtwangers Sammlung ist im Besitz einer Unibibliothek. Der 1884 in München geborene Autor zog mit seinen Büchern 1925 nach Berlin und lebte ab 1933 im Exil, das ihn 1941 nach Los Angeles führte. Seine in der Villa Aurora in Pacific Palisades wiederaufgebaute Bibliothek wurde zum Treffpunkt deutscher Immigranten wie Thomas und Heinrich Mann, Bert Brecht, Albert Einstein, aber auch amerikanischer Künstler wie Charlie Chaplin. Nach Feuchtwangers Tod vermachte seine Witwe Marta die Villa samt Bibliothek der University of Southern California USC. 22 000 Bücher stehen heute als Dauerleihgabe in der Künstlerresidenz Villa Aurora, weitere 8000 sind in der ›Feuchtwanger Memorial Library‹ der USC einsehbar.

Heimat aus Papier
In ›Bibliomanie und Emigration‹, dem Nachwort zu ›Das Haus der zwanzigtausend Bücher‹, erzählt der Historiker und Publizist Philipp Blom von Begegnungen mit Bücherliebhabern in Den Haag, Tel Aviv, Amsterdam, Oxford, London. All diese Sammler stehen nicht zufällig in der Tradition Canettis und Feuchtwangers: »Natürlich spielt dabei die Geschichte der Judenverfolgung und der Emigration die bei Weitem wichtigste Rolle«, schreibt Blom. »Dieselbe historische Flutwelle hat sie an neue Ufer geworfen, an denen ihre Sehnsucht nach einer geistigen Heimat in der Fremde sie dazu brachte, sich diese Heimat Stein um Stein, Buch um Buch neu zu erbauen: eine bessere Heimat. Diese Bibliotheken waren Utopien aus Papier, sie erschufen eine Welt neu, die die Nazis ihren Eigentümern geraubt hatten.«

Ein turbulentes Jahrhundert
Zu ebendieser Generation gehört Chimen Abramsky: 1916 in Minsk geboren, wurde er Anfang der 1930er-Jahre mit seiner Familie wegen missionarischer Tätigkeiten des Vaters, eines Rabbiners, ins Londoner Exil geschickt. Chimen studierte in Jerusalem, hielt sich bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 aber in London auf und saß dort als Staatenloser fest. Erst 1947 wurde ihm die britische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Chimen überlebte den Krieg mit seiner Frau Miriam und Sohn Jack und notierte in den 1980er-Jahren, dass sein Leben »einen großen Zeitraum unseres turbulenten Jahrhunderts umspannt hatte: Revolution, Bürgerkrieg, Pogrome, brutale Diktatur, den Zweiten Weltkrieg mit seinen schrecklichen Tragödien, gipfelnd im Völkermord, der Vernichtung von sechs Millionen Juden«.

Porträt eines Hauses
Trotz mehrfacher Anläufe gelang es dem Bibliomanen nie, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Sasha Abramsky geht weit darüber hinaus: ›Das Haus der zwanzigtausend Bücher‹ ist die Biografie des leidenschaftlichen Lesers und Büchersammlers Chimen Abramsky und zugleich ein persönliches Erinnerungsbuch des Enkels. Es ist ein Buch übers 20. Jahrhundert – und es ist das Porträt von 5 Hillway: ein von außen unauffälliges Haus in Nord-London, das Hunderte von Jahren der politischen Geschichte Europas sowie Tausende von Jahren der jüdischen Geschichte in sich barg und lange als wichtigster Treffpunkt der internationalen Intelligenzija galt. »Kinder halten die Umgebung, die ihnen vertraut ist, für normal«, schreibt Sasha Abramsky. »Daher nahm ich viele, viele Jahre lang an, dass alte Menschen ausnahmslos in Bücherhäusern wohnten, in denen jede Wand mit muffigen alten Bänden verkleidet war, welche die Geheimnisse von Geschichte, Politik, Philosophie, Religion und Kunst enthielten.«

Ideen als Mörtel
Für Sasha Abramsky war 5 Hillway »eine Schule, eine Universität, eine Bücherei und ein Zufluchtsort, wenn ich es daheim einmal nicht mehr aushielt«. 26 Jahre lang lebte sein Großvater in der immer baufälliger werdenden Doppelaushälfte. Statt zu renovieren, häufte er Bücher an: »Am Ende seines Lebens war jeder einzelne Raum des Hauses, mit Ausnahme von Badezimmer und Küche, vom Boden bis zur Decke von Regalen mit doppelten Bücherreihen gesäumt.« Ideen waren der »Mörtel, der Chimens Biblio-Bausteine zusammenhielt«. Dass dies alles nach Chimens Tod 2010 aufgelöst wurde, gefällt Sasha Abramsky, da sich die weltweit verstreuten Bücher nun als Teile neuer Sammlungen zu neuen Ideen verbinden lassen.

Welt im Kopf
»Bibliotheken wie im ›Haus der zwanzigtausend Bücher‹ in London waren Inseln der utopischen Möglichkeiten«, schreibt Philipp Blom im Nachwort. »Erst jetzt beginnen wir zu merken, dass wir nach den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts und unserer Gegenwart kaum noch Inseln haben, auf die wir uns retten können.« Solange es Autoren wie Sasha Abramsky gibt, besteht zumindest Hoffnung. Denn wenn man mit ihm zusammen dieses verwunschene Bücherhaus von der Diele durch Küche, Schlaf- und Esszimmer bis ins geistige Herzstück, das Wohnzimmer, durchwandert, entsteht – frei nach Elias Canetti – eine neue (Bücher-)Welt im Kopf.

Tina Rausch

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