Sara Shilo: Zwerge kommen hier keine

Sara Shilo zählt zu den großen literarischen Entdeckungen der letzten Jahre in Israel

 

Sara Shilos Romandebüt war eine literarische Sensation. Sie gab denen eine Stimme, die sonst stumm sind: Immigranten ohne Zukunft und deren Kindern, die keine Bildung, aber Träume haben.

Ob Mass’ud, der »Falafel-König«, einem Messerstich, einem Herzinfarkt oder einer Bratölverbrennung erlegen ist, wissen wir nicht, und es ist auch nicht weiter wichtig. Wichtig ist, dass die Welt seiner Familie zu zerbrechen droht. In fünf Monologen erzählen Simona, die Mutter, und vier ihrer sechs Kinder vom Weiterleben nach dieser Katastrophe.

»Ich hab nichts. Nicht seinen Rücken. Nicht seine Hand. Auch sein Geruch ist von mir gegangen.«

Simona eröffnet den Reigen der Stimmen. Die Trauer um Mass’ud ist so verzweifelt, dass sie beschließt, während der Raketenangriffe auf den Ort nicht im Schutzkeller, zusammengepfercht mit ihren Kindern und all den anderen, auszuharren, sondern alleine draußen auf dem Fußballplatz den ersehnten Tod zu erwarten.

Die Monologe der Brüder – Itzik, der mit Klumpfüßen und ‑händen zur Welt gekommen ist, Dudi und Kobi folgen, am Ende der Monolog-Kette steht die Erzählung der einzigen Tochter. Etti will unbedingt Radiosprecherin werden. Sie ist die einzige aus der Familie, die in der Schule die Hochsprache gelernt hat und sie hingebungsvoll benutzt. Zerrissen zwischen der tiefen Trauer um ihren Vater, der Verantwortung für die Zwillinge, die sie von der Lüge, Kobi wäre ihr Vater, befreien will, und ihrer Mutter, die sie respektiert, erfindet sie ›Die Geschichte von der Frau, die zum Tintenfisch wurde‹, um die Zwillinge auf die Wahrheit vorzubereiten, der sie dann aber selbst nicht standzuhalten vermag.

Sara Shilos Figuren gehören einer Bevölkerungsgruppe an, die in der israelischen Literatur erst in den letzten Jahren eine eigene Stimme bekommt: Es sind die seit den 1950er Jahren aus den arabischen Ländern nach Israel eingewanderten Juden, die geballt in wirtschaftlich unterentwickelten Städtchen an der Peripherie des Landes, vor allem an der Nord- und Südgrenze, angesiedelt wurden.

Shilo geht einen gewaltigen und literarisch wagemutigen Schritt weiter als ihre bisherigen Schriftstellerkollegen, sie lässt ihre Helden in deren eigener Sprache zu Wort kommen, einem fehlerhaften Hebräisch, in dem das Marokkanische ebenso mitschwingt wie das Arabische. Eine literarische Herausforderung, im Original wie in der deutschen Übersetzung. Anne Birkenhauer gelingt es, einen eindringlichen, existienziell aufgeladenen und nie gehörten Ton zu schaffen.

In dieser zum Teil »gebrochen« anmutenden Sprache beschreiben die sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten – außer Etti – (die Mutter ist 40, die im Roman auftretenden Kinder sind 12, 13, 19 und 16) ihre eigene Welt. Sie schildern die Aussichtslosigkeit und die Hoffnungen ihrer persönlichen Situation, die ständige Bedrohung durch Katjuschas und Terroristen aus dem Libanon, und wie sie dennoch alle irgendwie zurande kommen. In dieser Sprache verleihen sie ihrer Realität, ihren Wünschen, ihren Träumen und Geschichten, die sie am Leben halten, eine eigene Farbe, Wärme, Lebenskraft.

Die Übersetzerin griff bei der Übertragung sehr klug nicht auf eine bestehende Sub-Sprache in Deutschland zurück. Sie verwendet kaum, und wenn dann nur soziologisch und zeitlich unmarkierten Slang, sie schafft das Eigene, Unverwechselbare über grammatische Besonderheiten. Sie entwickelt eine im Brechtschen Sinne gestische Sprache, die ganz im hier und jetzt verankert ist, eine Syntax, die Emotionen und Gedanken nicht beschreibt sondern unmittelbar wiedergibt.

Die Reaktion der israelischen Kritik war überwältigt und überwältigend. Der Roman gewann noch vor Erscheinen zwei Literaturpreise, vor allem den begehrten Sapir-Preis, und gelangte ad hoc auf Platz 1 sämtlicher Bestseller-Listen.

Die Autorin über sich:

Ich kam in Jerusalem zur Welt, zog aber, als ich erwachsen wurde, nach Galiläa. Ich bin verheiratet und habe fünf Kinder. Seit mehr als dreißig Jahren lebe ich im Norden Israels, nicht weit von der libanesischen Grenze. Die Menschen hier sind daran gewöhnt, dass sich von einem Moment auf den anderen alles ändern kann – gerade noch Alltag, Arbeit, Lernen, und plötzlich: Alarm und schnell in die Schutzbunker.

Als ich vierzig war, las ich David Grossmans Roman »Sei du mir das Messer«, und von da an konnte ich den Drang, selbst zu schreiben, nicht länger unterdrücken. So lange ich denken kann, hat mich das Konzept des anderen fasziniert. Schon als ich klein war, konnte mich ein fremdes Mädchen, das sich in einem Geschäft ein Paar Schuhe in einer Farbe aussuchte, die ich nie getragen hätte, stundenlang beschäftigen.

Eine Figur zu erschaffen, bedeutet für mich nicht nur, mich in einer anderen Biographie bewegen zu können, einem anderen Geschlecht und Alter, es bedeutet auch, eine andere innere Logik auszuloten. In der Ich-Person zu schreiben, erhöht den Reiz dieser Fremd-Erfahrung noch: es eröffnet einen neuen Raum für das Verstehen des anderen. Auf die Beurteilung und die damit einhergehende Entfremdung von Menschen zu verzichten, heißt, wirkliche Nähe durch Empathie und Verstehen zu erfahren, selbst wenn diese Figur sich auf eine Weise verhält, die einem selbst nie in den Sinn käme.

Ich lebe an der Grenze. Und die Gefahr, der ich mich dadurch ausgesetzt sehe, ist nicht nur eine physische, die mein und das Leben meiner Liebsten bedroht. Ich fürchte vielmehr, dass die Detonation der Katjuscha, all diese anderen, verschiedenen Stimmen schluckt. Im Kriegszustand verschmelzen die Menschen zu einer Masse. Im Schreiben erringe ich die für mich notwenige Entflechtung dieser amorphen Realität, ich kehre zurück zum einzelnen.

»Kraftvoll! In Israel eine Sensation.« Cosmopolitan

»Ein mutiges, originelles und bewegendes Buch …« Anat Feinberg, ›Die Welt‹

»Reich, schockierend, herzzerreißend – ich kenne nichts Vergleichbares in der hebräischen Literatur.« David Grossman

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