Zwischen den Stühlen

Péter Esterházy ist ein ausgezeichneter Autor. Er erhielt den Ungarischen Literaturpreis, den Sándor-Márai-Preis, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und sogar den Deutschen Fußball-Kulturpreis. Trotzdem träumt er vom Chamisso-Preis. »Nicht aus Großmannssucht und Eitelkeit«, wie er im Vorwort von ›Lichterfeste, Schattenspiele‹ kokett versichert, »sondern weil das (unter anderem) bedeutete, dass ich ordentlich Deutsch kann.« Dabei spricht der ungarische Schriftsteller sehr gut Deutsch – und schon 1980, als er ein Jahr lang in Berlin lebte, versuchte er sich an deutschen Texten. Weil er mit seinen »ungarischen Ohren« deutsche Sätze und Wörter nicht richtig zu hören glaubte, kehrte er jedoch zu seiner Muttersprache zurück.

Damit unterscheidet sich Esterházy von den vierzig Autoren aus aller Welt, die er für diese Anthologie auswählte: Rafik Schami, SAID, Feridun Zaimoglu, Yadé Kara, Marica Bodrožić, Luo Lingyuan, Saša Stanišic, Artur Becker, María Cecilia Barbetta und viele weitere haben Deutsch als ihre Literatursprache gewählt. »Sie haben Kindheit, Heimat, Sprache und Kultur irgendwo weit hinter sich gelassen, sind von irgendwo herausgerissen worden und haben sich woanders eingefügt«, schreibt Esterházy. »Zwischen allen Stühlen und unter der Bank, das ist ihr Status, und das ist eine produktive schriftstellerische Position.«

1984 hatte der Sprachwissenschaftler Harald Weinrich die Idee, herausragende literarische Leistungen Deutsch schreibender Autoren, deren Muttersprache oder kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist, zu prämieren. Die Robert Bosch Stiftung griff die Anregung auf und vergab ein Jahr später den ersten Chamisso-Preis an Rafik Schami. Der Namenspate Adelbert von Chamisso wurde 1781 als Louis Charles Adélaïde de Chamissot im französischen Châlons-en-Champagne geboren. Er kam als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Berlin, fand Anschluss zu literarischen Zirkeln und zählte zu den Serapionsbrüdern um E. T. A. Hofmann. Mit zahlreichen Gedichten und Werken wie der Märchenerzählung ›Peter Schlemihls wundersame Geschichte‹ wurde der gebürtige Franzose zu einem der wichtigsten deutschen Vertreter der Romantik.

Bis heute ist der Chamisso-Preis die einzige Auszeichnung, die den kulturellen Beitrag der aus aller Welt stammenden Autoren zur deutschen zeitgenössischen Literatur würdigt. Anfangs wurden die prämierten Werke noch als ›Gastarbeiterliteratur‹ etikettiert; später bezeichnete man sie als ›Ausländerländerliteratur‹ oder ›Migrantenliteratur‹. Heute zählen viele der Chamisso-Preisträger zu den wichtigsten Vertretern deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Sie bestimmen den öffentlichen Diskurs mit mannigfaltigen literarischen Ansätzen, Themen und Haltungen maßgeblich mit. Und obwohl sie sich verschieden definieren – als deutsche Autorin, als deutschsprachiger Schriftsteller oder auch als polnischer Autor, der deutsch schreibt ­-, lassen sie sich doch alle auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Sie sind ausgezeichnete Chamisso-Autoren.

Tina Rausch

Péter Esterházy: Lichterfeste, Schattenspiele

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