Zwischen Fakten
und Fiktion

Saskia Goldschmidt berichtet zu den historischen Hintergründen ihres Romans
›Die Glücksfabrik‹

Saskia Goldschmidt: DIe Glücksfabrik 

Saskia Goldschmidt erzählt in ›Die Glücksfabrik‹ von einem abgründigen Szenario: die Geschichte eines legendären Unternehmers, ein Bruderdrama und die Geschicke einer einflussreichen Firma verschränken sich miteinander. Frau Goldschmidt, wo trennen sich Fakten von Fiktion?

»Organon wurde 1923 gegründet und war ein eifriger Mitstreiter im Rennen um die Hormongewinnung. Es waren Goldgräberjahre: Weltweit arbeiteten Wissenschaftler in Laboren fieberhaft daran, Hormone aus Organen zu gewinnen, Standards zu erarbeiten und herauszufinden, welche Körperfunktionen die Hormone steuerten.  Das Experimentieren mit medizinischen Präparaten war noch nicht reglementiert, und ethische Fragen hinsichtlich von Versuchen an Mensch und Tier waren dem jeweiligen Forscher und seinem Gewissen überlassen. Der Interessenkonflikt zwischen Wissenschaft und Wirtschaft spielte bei dieser gesamten Entwicklung eine wichtige Rolle und ist immer noch Gegenstand von Diskussionen.

Da war zunächst einmal das Brüderpaar, das die Schlacht- und Fleischbetriebe führte. Einer, Saal von Zwanenberg, schien den Quellen zufolge außerordentlich ehrgeizig zu sein. Er war der derjenige, der nach einem Naturwissenschaftler Ausschau hielt,  um eine Hormonfabrik zu gründen. Zusammen mit Professor Laqueur setzte er alles daran, dieses Unternehmen aufzubauen. Sie waren die ersten, die Hormonpräparate in industriellem Umfang produzierten, und sie entdeckten das männliche Hormon Testosteron.

Der andere Bruder war anscheinend das ganze Gegenteil. Gleichwohl: Er wurde wegen sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Angestellten zu zwei Jahren Haft verurteilt. Anderthalb Jahre nach seiner Entlassung im Jahr 1940 wurde er in Auschwitz ermordet.

Nach dem Krieg erkannte der Geschäftsmann eine günstige Gelegenheit, dem Wissenschaftler weiteren Zutritt zum Unternehmen zu verwehren, und er machte ohne Zögern Gebrauch davon.

Der Roman ›Die Glücksfabrik‹ basiert also auf der tatsächlichen Geschichte vom triumphalen Aufstieg eines holländischen Unternehmens, das weltweit erfolgreich wurde, und den imaginierten Lebensgeschichten der Männer, die diesen Aufstieg ermöglichten. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine Fiktion, die auf der Gründungsgeschichte von Organon basiert.«

Saskia Goldschmidt, 2012

Chronologie des Unternehmens Organon

1887   
Gründung der Schlachtbetriebe Zwanenberg in Oss (Provinzstadt in Südholland) durch die Zwillingsbrüder Zwanenberg.

1923  
Saal van Zwanenberg begründet das Unternehmen Organon zur Entwicklung von Medikamenten aus Schlachtabfällen.

1925   
Die Chemiker Ernst Laqueur und Jacques van Oss treten Organon bei.

1930   
Organon verzeichnet eine Serie von erfolgreichen Entdeckungen; internationale Erfolge bei der medizinischen Anwendung von Hormonen, Beginn einer Entwicklung, die zur Entdeckung der Pille führt.

1938   
Einer der Brüder wird wegen sexuellen Missbrauchs einer Arbeiterin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt; er wird nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

1945   
Sein Zwilling kehrt nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus England zurück und setzt sein erfolgreiches Leben als Geschäftsmann und Philantroph fort.

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