Ina aus China 3

Wie Inas Lebens zum Roman wurde – aus der Werkstatt einer Autorin

»Eigentlich hat die ›wirkliche‹ Ina den Stein ins Rollen gebracht. Sie war jemand, der mir in der ersten Zeit in Taiwan sofort ihre Hilfe anbot, als ich, noch etwas ratlos und ob des subtropischen Klimas schwitzend in meinem neuen Leben stand: Wo bekommt man das Netzteil, das unsere Elektrogeräte für die dort üblichen 110 Volt tauglich macht? Wo gibt es etwas, was unserem Schwarzbrot ähnelt? Wie gebietet man der Mäuse- und Kakerlakenplage Einhalt? Und was tun im Fall von plötzlich auftretenden Zahnschmerzen? Alles konnte man sie fragen.« Irgendwann später traute sich Susanne Hornfeck, zu fragen, wo sie ihr hervorragendes Deutsch gelernt hatte, das so akzentfrei war, wie man es eigentlich nur als Kind lernen kann. »Da hat sie mir ihre Geschichte erzählt und eine Keksdose mit termitenzerfressenen Photos hervorgeholt, von denen nun eines den Umschlag ziert. In diesem Gespräch fiel dann auch der Satz: ‚Eigentlich sollte man das aufschreiben, aber ich selbst kann das nicht.’ Der Stein musste lange rollen, bevor er bei mir ankam. Nach meiner Rückkehr habe ich ihr per Brief meinen Plan unterbreitet, daraus ein Jugendbuch zu machen, und sie war sofort einverstanden. Bei meinem nächsten Besuch in Taiwan haben wir uns viele Nachmittage lang unterhalten. Da entstand der Bebauungsplan.«

Susanne Hornfeck hat viel Literatur übersetzt, 2007 wurde sie mit dem renommierten C.H. Beck Übersetzerpreis ausgezeichnet.

»Dass diese Arbeit nie langweilig wird, da jeder Auftrag, jedes übersetzte Buch eine neue Herausforderung ist. Meist entwickelt man schon beim ersten Lesen im Kopf einen Tonfall für den literarischen Text, hört, wie er später im Deutschen klingen könnte. Ihn dann stimmig Satz für Satz und vorbei an allen Fallgruben und Fußangeln ins Deutsche zu bringen, dazu braucht man viel handwerkliches Können, Geduld und Sitzfleisch.« Der Wechsel zum Romanschreiben war auch ein Wechsel zwischen den Disziplinen. »Ein Ausflug in die Welt eigener literarischer Fiktion ist zwischendurch eine schöne Abwechslung. Da kann man mal selbst die Puppen tanzen lassen.«

Nicht mehr den Spuren eines anderen hinterherzuschreiben: »Es ist verblüffend, wenn man merkt, wie sich die Figuren plötzlich verselbständigen, ein Eigenleben bekommen. Man denkt sich eine Szene aus und muss sich dann sagen: ›Nein, so hätte meine Ina nicht reagiert.‹ Woher weiß ich das? In diesem Moment hat die Figur so viel an Kontur gewonnen, dass ich die fiktionale Realität – zu der sie ja selbst auch gehört – an ihr überprüfen kann. Das macht Spaß.»

Susanne Hornfeck
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Neue Horizonte

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