Ein Pfund Kaffee weniger

Heute: Liv Winterberg, Autorin

Bücher haben ihre Geschichte, nicht nur die gedruckte, sondern auch ihre eigene, ganz und gar individuelle Vergangenheit und den meisten kann man sie ansehen: zerknickte Einbände, vergilbte Seiten, Kaffeeflecken oder ein hochglänzender Buchrücken erzählen davon, wie oft ein Buch gelesen oder eben nicht gelesen wurde.

Bei unserem letzten Umzug ist mir das beim Ausräumen der Bücherkisten wieder deutlich geworden. Bei vielen Büchern konnte ich mich sehr genau daran erinnern, wo und wann ich sie gelesen, ob ich sie geschenkt bekommen oder gekauft habe. Einige Bücher trugen Widmungen von Freundinnen, bei manchen meinte ich noch die Meeresluft zu riechen und erwartete, dass Sand aus den Seiten rieseln müsste, wenn ich sie aufschlug. Viele Bücher begleiteten mich an langen Winterabenden, bei anderen zeugten farbige Markierungen von detaillierten Analysen während des Studiums. Irgendwann fiel mir ›Memoiren eines mittelmäßigen Schülers‹ von Alexander Spoerl in die Hände. Ein Buch, aus dem uns die Musiklehrerin in Vertretungsstunden in der Oberschule hin und wieder vorgelesen hatte. Ein schmales dtv-Buch, im damals typisch weißen Einband. Wenig später entdeckte ich eben jenen Titel noch einmal. »Ach, hast du das Buch auch?«, fragte ich meinen Mann, der ebenfalls Kisten ausräumte.

Als er sah, welches Buch ich ihm entgegen hielt, antwortete er: »Ja, das ist das ›Kaffeebuch‹.«

»›Kaffeebuch‹?«

»Meine Oma hat damals eine ihrer Verwandten in West-Berlin besucht, sie hat es mir mitgebracht. Den Titel fand sie wohl lustig.«

Zweifelnd schaute ich meinen Mann an, der, was ich sicherlich kaum noch hinzuzufügen brauche, im Osten Berlin aufwuchs, zu einer Zeit, als die Mauer zum Alltag in Deutschland gehörte.

»Durfte man denn Druckerzeugnisse einführen?« Druckerzeugnisse, ein merkwürdiges Wort, das mir in diesem Moment in Erinnerung kam.

»Eigentlich durfte man so gut wie nichts in die DDR einführen. Versucht hat es aber fast jeder, der auf West-Besuch war. Süßigkeiten, Creme, Deo, Haarspray, was da alles mitgebracht wurde, wenn es denn an der Grenze bei den Kontrollen nicht entdeckt wurde. Ganz hoch im Kurs stand aber Kaffee.«

Ich ahnte, dass wir uns der Erklärung des Begriffs ›Kaffeebuch‹ näherten und wartete schweigend ab.

»Jedenfalls hat meine Oma beschlossen, dass sie mir ein Buch mitbringt. Sie hat von dem knapp bemessenen Westgeld halt ein Pfund weniger Kaffee gekauft. Statt drei Pfund waren es nur zwei, eines für meine Eltern und eines für sie selbst. Für mich nahm sie das Buch mit. Den Kaffee trug sie in ihrer Tasche bei sich, und das Buch hat sie wohl unter ihrer Bluse in den Rocksaum gesteckt. Sie wurde nicht durchsucht, und so kamen Buch und Kaffee bei uns zu Hause an. Ich war vielleicht dreizehn oder vierzehn und hätte mich eher über eine Jugendzeitschrift gefreut. Poster hatten einen guten Tauschwert.«

Nun schwiegen wir beide und dachten das Gleiche: Manche Handlungen und Dinge weiß man hin und wieder erst später im Leben zu würdigen. Das Druckerzeugnis hat nun einen Ehrenplatz erhalten. Es steht im Küchenregal, zwischen Kaffeedose und Zuckerstreuer, eben dort, wo es hingehört – das ›Kaffeebuch‹.

Liv Winterberg, Autorin

 

Ein Kommentar zu “Ein Pfund Kaffee weniger

  • 10. Juni 2011 um 19:40
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    Hallo!
    Eine wirklich nette Geschichte. Zum Schmunzeln. Trotzdem wird einem der Ernst bewusst, der dahinter steckt.
    Schade, dass ich nicht mehr erleben werde, wenn mein handgeschriebenes Kuchen- und Plätzchenrezeptbuch eines Tages durchgeblättert wird. Es erzählt eine ganz eigene Geschichte zwischen den Zeilen aus Krümeln und Teig- und Butterklecksen.
    Herzliche Grüße an alle, die Bücher mit einer „besonderen“ Geschichte besitzen, wie zum Beispiel ein Pfund Kaffee weniger.
    Ursula Jürgensen

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