Kunst und Geld

Interview mit Piroschka Dossi

Arte-Dokumentation ›GEGENANGRIFF – Wirtschaft im Fadenkreuz der Kunst‹

In der vierteiligen arte-Dokumentar-Reihe ›GEGENANGRIFF – Wirtschaft im Fadenkreuz der Kunst‹ stellen Regisseurin Nico Weber und dtv-Autorin Piroschka Dossi vier zeitgenössische Künstler vor, die mit ihrer Kunst das Reich der Wirtschaft erkunden:
Ein Italiener, der Geld zu Kunst verdaut, ein Klangkünstler, der die Dynamik des Finanzmarkts in Sound transformiert, ein Brite, der in einem Selbstexperiment seinen gesamten Besitz zerstört und eine Fotografin, die über Jahrzehnte den Habitus der us-amerikanischen Upperclass festhält.

Durch ihre Kunstwerke dokumentieren sie unseren Umgang mit Geld, Spekulation, Konsum und wirtschaftliche Ungleichheit.

Arte strahlt ›GEGENANGRIFF – Wirtschaft im Fadenkreuz der Kunst‹ an vier Sonntagen im April aus:

03. April 00:30 (Geld)
10. April 23:05 (Spekulation)
17. April 22:55 (Konsum)
24. April 23:30 (Ungleichheit)

Mehr Infos unter www.arte-tv.de

 

 

Interview mit Piroschka Dossi

Piroschka Dossi

1) Die von Ihnen konzipierte und mit der Regisseurin Nico Weber realisierte arte-Doku-Reihe heißt ›GEGENANGRIFF. Wirtschaft im Fadenkreuz der Kunst.‹ Was verbirgt sich hinter diesem provokativen Titel?

Viele haben sich daran gewöhnt, Kunst als Ware und damit als Objekt von Wirtschaft zu betrachten. Mit unserer Film-Reihe kehren wir das Verhältnis um und zeigen Wirtschaft als Objekt von Kunst. Die Reihe ›GEGENANGRIFF‹ macht deutlich, dass Kunst alternative Perspektiven auch auf wirtschaftliche Phänomene eröffnet, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, ohne sie zu wirklich zu begreifen. ›GEGENANGRIFF‹ ist eine Herausforderung bestehender Sichtweisen, eine Aufforderung zu einem zweiten Blick.

 

 

2) In dem ersten Teil der Doku-Reihe, ›Geld‹,  macht der italienische Künstler Cesare Pietroiusti genau das zur Kunst, was er ablehnt – Geld. Ein Widerspruch in sich?

Pietroiusti ist ein Anarchist, der mit Geld und unseren darauf gerichteten Vorstellungen spielt. In seinen Arbeiten stellt er die Regeln, nach denen das Geldsystem funktioniert, durch kleine Eingriffe auf den Kopf. Seine Performance ›Eating Money‹ ist ein symbolisches und auch materielles Jonglieren mit einem Geldschein in den Kreisläufen des Geldes, des Körpers, und der Kunst. Es ist ein Spiel um die Verwandlung von Werten, die Aufhebung von Regeln, die Auflösung von Grenzen, Geld kann man nicht essen, Pietroiusti aber tut es – und verdaut es zu Kunst. Er ist ein Eulenspiegel, der uns leibhaftig vorführt, dass auch das Geldsystem nur solange funktioniert, wie wir an seine Regeln glauben.

3) In ›Hype. Kunst und Geld‹ beschreiben Sie Kunst aus der Perspektive von Geld. In ›Gegenangriff. Wirtschaft im Fadenkreuz der Kunst‹  geht es dagegen um Geld bzw. Wirtschaft aus der Sicht von Kunst. Was fasziniert Sie so an der Beziehung von Kunst und Geld?

Im Kunstmarkt treffen zwei Systeme mit unterschiedlicher Logik aufeinander. Kunst basiert auf der Idee von Einzigartigkeit, Geld auf der Idee der Austauschbarkeit. Das Geldsystem »verflüssigt« Werte, das Kunstsystem zielt auf die Schaffung überdauernder Werte. Das ist ein faszinierendes Kräftespiel, in dem um Definitionshoheit gerungen wird.

4) Ist Kunst ohne Geld überhaupt möglich?

Das Schaffen von Kunst ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage der Schaffenskraft. Viele bedeutende Kunstwerke sind in finanzieller Not entstanden. Aber der Prozess der Positionierung und Anerkennung von Künstlern und ihrem Werk ist vom Geld abhängig. In dem nach den Prinzipien der kapitalistischen Marktwirtschaft funktionierenden globalen Kunstmarkt mehr denn je.

 

 

Piroschka Dossi: Hype!, dtv premium

 

 

5)     In ›Hype‹ beschreiben Sie, wie u.a. van Gogh nach seinem Tod zur Marke stilisiert wurde, Picasso seine Vermarktung gar selbst vorangetrieben hat und Kunsthändler in Zusammenarbeit mit Museen den Wert von Kunstwerken enorm steigern können. Ist erfolgreiche, im Sinne von kostspieliger Kunst zu einem gewissen Maße planbar?

 

 

 

 

 

 

 

Erfolg hängt von vielen Faktoren ab. Einige davon sind planbar, andere nicht. Die kreative Entwicklung eines Künstlers ist nicht planbar. Planbar sind aber die strategischen Schritte zu seiner Positionierung: das  Schaffen von Aufmerksamkeit für den Künstler, das Schmieden von Allianzen mit anderen Händlern, der Einsatz von Kapital. An dieser Stelle kommt  die Frage des Einflusses ins Spiel. Denn im Kampf um die Definition und Bewertung von Kunst haben nicht alle Stimmen dasselbe Gewicht. So haben sich große Sammler, die als Händler, Leihgeber und Aussteller ihrer eigenen Kunst gleich mehrere Schlüsselpositionen in der Wertschöpfungskette des Kunstsystems besetzen, zu neuen Machtfaktoren entwickelt.

6) Was hat sie bei der Recherche zu ›Hype‹ selbst am meisten überrascht bzw. schockiert?

Dass auch in der Kunst die entscheidende, letztlich politische Frage diejenige ist, wer die Deutungshoheit ausübt.

7) Ihr Buch endet mit den Worten: »Kunst als Kunst wahrzunehmen bedeutet indes, jene Kunst zu wählen, die man liebt. Diese Freiheit ist der wahre Luxus«. Eine leise Kritik an dem, wozu sich der Kunstmarkt über mehrere Jahrhunderte hin entwickelt hat?

Kunst spricht zum Einzelnen und ist eine Aufforderung, der eigenen Wahrnehmung zu trauen, die eigene Sensibilität und Urteilskraft zu entwickeln, und dafür die eigene Stimme in die Waagschale zu werfen.

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Kunst und Geld

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